Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 573 Frau tritt nun wie gesagt, sei es durch die Verhältnisse gezwungen oder aus freudigem Willen, um ihren Gatten vom „Lernen" nicht abzulenken, im Erwerbsleben an die Stelle des Mannes. Besonders im letzteren Falle ist sie geradezu glücklich, wenn ihr Mann auch nach Beendigung des „Kestessens" weiterhin sorglos der „Thorah" wird obliegen können. In reiner Liebe hängt sie an ihrem frommen und gelehrten Gatten, stolz die Frau dieses Mannes zu sein, zugleich ein heißes Verlangen still im Herzen tragend, seiner würdig zu bleiben und einst im lichten Jenseits in seiner Nähe unter allen Heiligen und Gerechten weilen zu dürfen. Mit bewundernswertem Idealismus, überzeugt einer höheren Sache zu dienen, nimmt oft eine solch schwache Frau, die nie Sorgen oder gar Geschäfte gekannt, freiwillig auf sich, die täglich sich mehrenden Ausgaben durch schwere und mühevolle Arbeit zu bestreiten. Steht sie auch den geistigen Interessen ihres Mannes als schwaches, unwissendes Weib ferne, so fühlt sie doch durch ihre Arbeit für deren Förderung sich ihnen unmittelbar nahe. Eine solche „Eschet chail" würde nie ihren Mann seine materielle Abhängigkeit merken oder gar in verletzender Weise fühlen lassen. Im Gegenteil, mit geradezu abgöttischer Verehrung und unaussprechlicher Dankbarkeit blickt sie zu ihm empor. Weiß sie doch, daß seine Verdienste um sie weit bedeutender sind als die profane Arbeit, die sie seinetwegen leistet. Das unsterbliche Loblied, das einst Salomo auf das jüdische Heldenweib anstimmte'(„Eschet chail" Sprüche 31. 10), trifft oft fast wörtlich auf solch eine ostjüdische „Eschet chail" zu. Es ist mitunter staunenerregend, was eine solche Frau an unerschöpflicher Energie und Tatkraft zu leisten vermag; mit welcher Umsicht, Routine, Fachkenntnissen und kommerzieller Tüchtigkeit sie Geschäfte unternimmt und leitet und dabei ihre Weiblichkeit und kindlich naive Frömmigkeit rein und ungetrübt bewahrt. Man sieht sie oft schon mit Morgengrauen bis spät in die Nacht im Laden oder am Schanktisch und gar als Leiterin eines gepachteten oder eigenen großen landwirtschaftlichen Betriebes ihren Pflichten obliegen. Man begegnet ihr auf Jahrmärkten und in den größeren Handelszentren, wo sie Ware verkauft oder einkauft, wie überhaupt auf allen Gebieten des kommerziellen Lebens, wo sie oft an Tüchtigkeit jedem gewandten Kaufmann nicht nachsteht. Sie leitet dabei gleichzeitig die Wirtschaft des Haushaltes und betreut ihren Gatten und ihre Kinder, für deren Erziehung, Unterricht und standesgemäße Ausheiratung sie sorgt. Eine echte „Eschet chail" wird nie etwas tun oder unternehmen, bevor sie, wenn auch mitunter bloß formell, die Zustimmung ihres Gatten eingeholt hat, selbst wenn er den Dingen der Welt gegenüber ganz uninteressiert und verständnislos gegenübersteht, da sie als züchtige jüdische Tochter nichts ohne Wissen und Willen ihres Ehegatten unternehmen würde. Man hört sie stets bei irgendwelchen wichtigen Abschlüssen sagen, sie müsse sich früher mit ihrem Manne beraten und sein Einverständnis abwarten, trotzdem es jedem bekannt ist, daß er gewiß keine andere Meinung als seine Frau hat. Sie tut es in Ehrerbietung vor ihrem Manne und um vor jedem zu dokumentieren, daß, wenn er auch abseits von ihren Geschäften stehe, er doch Herr und Gebieter im Hause sei und nichts ohne oder gar gegen seinen Willen geschehen dürfe*). *) Es wird auch kein Ostjude etwas unternehmen, bevor er seine Frau zu Rate gezogen hat, wie übrigens die Stellung der ostjüdischen Frau in der Familie eine viel höhere ist, als allgemein im Westen angenommen wird. Htft 12. 42