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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 12 · p. 574

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 12
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
574 (sequence 10)
Language
German
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574 Hadassah bath Mordechai: Trifft es sich aber, daß die Frau bei Unfähigkeit des Mannes für Erwerbstätigkeit die Arbeit nicht gerne übernimmt oder gar nicht übernehmen will oder kann, dann sind natürlich Mißstimmungen und Unfriede in der Familie unausbleiblich, was mitunter sogar zu Ehescheidungen führt. Diese Fälle sind aber im allgemeinen sehr selten. Die Institution des Kestessens zeigt neben lichtvollen auch schattenhafte Seiten. Mögen diese Zustände für unsere Zeit mit Recht als nicht mehr entsprechend, vom sozialen und wirtschaftlichen Standpunkte als ungesund und in gewisser Hinsicht sogar als schädlich angesehen werden, bei objektiver Betrachtung und in Berücksichtigung der lokalen und kulturellen Verhältnisse der Ostjuden jedoch können ihnen tiefwurzelnde, echt ideale und rein empfundene religiöse Momente nicht abgesprochen werden. Das Praktisch-Materielle liegt hier nicht selten im argen. Das Religiös- Sittliche ist, wenn auch nicht immer gleich sichtbar, auch hier, wie überhaupt im wahren, echten Judentum, stets obenan. Baden bei Wien Samuel Rappaport IN SAFED Frau Soffermann zum Gruß. Es ist Sitte bei den frommen Juden in Rußland und Galizien, daß sie, wenn sie ins Alter kommen, ihre Kinder versorgt und für sich noch einen kleinen Spargroschen erübrigt haben, nach Palästina übersiedeln, um in heiliger Erde begraben zu werden. Diese Sitte war schon vier Generationen hindurch Brauch in der Familie meiner Mutter, und diesem Umstände allein verdanke ich es, daß ich überhaupt nach Palästina durfte. Als ich zehn Jahre alt war, hieß es, der Urgroßvater komme nächstens, er wolle sich von uns verabschieden, er fahre nach Palästina. Wir warteten wochenlang auf ihn, und endlich kam er. Noch nie hatten wir einen solchen Mann gesehen, einen Urgroßvater. Ein ganz langer, schneeweißer Bart umrahmte ein längliches, frisches Gesicht, glänzende Augen leuchteten aus schneeweißen, buschigen Brauen, und einen langen seidenen Rock trug er. Er war so heiter, scherzte und spielte mit uns Kindern, ging treppauf treppab ohne Schwierigkeit, las ohne Brille und war doch schon neunundachtzig Jahre alt. Und dann fuhr er weg nach Palästina. Wir Kinder sprachen noch lange darüber. Und es vergingen einige Jahre und es hieß: die Großeltern fahren zum Urgroßvater nach Jerusalem. Das konnten wir zuerst nicht begreifen. Der Urgroßvater war uns fremd gewesen. Er war aus weiter Ferne gekommen und in weite Ferne gegangen. Aber die Großeltern hatten doch immer mit uns zusammengelebt. Das Haus der Großeltern war uns gleich lieb wie das Elternhaus, Und wenn wir sie bestürmten hierzubleiben, sagten sie: „Laßt uns, Kinderchen, wir haben hier unsere Pflicht getan, wir haben schon zu viel für unsren Körper gesorgt; die paar Jahre, die wir noch auf dieser Welt zu verbringen haben, wollen wir unserer Seele widmen, und das können wir nur im heiligen Lande." Und dann fuhren sie von uns zu ihren Kindern und Enkelkindern und dann nach Jerusalem. Nach vielen, vielen Wochen kamen die ersten Nachrichten, und es war uns immer wie aus einem Märchenland. Wir kannten sonst niemand außer dem Urgroßvater und den Großeltern, die in

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