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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 12 · p. 572

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 12
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
572 (sequence 8)
Language
German
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572 Samuel Rappaport: sind, immerhin nicht häufig. In der Regel werden aus solchen kestessenden „Eidamlech" (Eidamchen) die tüchtigsten und gewiegtesten Kaufleute, die auch dann, wenn sie ihre nach Beendigung der Kest ihnen ausgefolgte Mitgift verloren haben (was man auch mit „Rebbigeid", das heißt Lehrgeld für die angeeigneten Fachkenntnisse und Routine bezeichnet), die größten und verwickeltesten Geschäfte, wie z. B. allerhand Handel, industrielle Unternehmungen, Mühlen, Brennereien und Bierbrauereien oder gar sehr große landwirtschaftliche Betriebe übernehmen und diese mit großem Geschick, fachmännischem Wissen und zumeist auch mit viel Erfolg leiten. Mitunter kommt es vor, daß ein kestessender Schwiegersohn im Hause seines Schwiegervaters neben Talmud auch das für den Handel nötige profane Wissen wie Sprachen, Rechnen, Buchführung u. dgl. sich aneignet, wodurch er dann den Anforderungen eines modernen Kaufmanns genügen kann. Manche kestessende Schwiegersöhne trachten, was sie oft zu Hause nicht tun konnten, während des Kestessens überhaupt eine allgemeine profane Bildung neben dem Talmudstudium zu gewinnen und zu erweitern, ja, es kommen in den letzten Jahrzehnten Fälle vor, wo der stille kestessende „Eidam" unbemerkt zu Hause Gymnasialstudien oblag, plötzlich seinen langen Rock ablegt, zur Universität geht und dann Doktor wird, oft zum großen Ärger seines Schwiegervaters, was leicht die Ursache großer Mißstimmungen zwischen beiden abgibt und sogar, wenn auch sehr selten, zur Scheidung der Ehe führt, da ein solcher dem langen Rocke entsprungener Doktor gewöhnlich gleichzeitig mit den profanen Studien auch den Bruch mit der religiösen Tradition vollzieht. Aus dem Kreise der kestessenden Schwiegersöhne ging auch der größte Teil der hebräischen Schriftsteller und Gelehrten der Haskalah-jLiteratur des 19. Jahrhunderts im Osten hervor. In der Muße des Kestessens konnten sie auch dem Studium der hebräischen Sprache und der modernen hebräischen Literatur obliegen, was sie zumeist auch später, im praktischen Erwerbsleben stehend, betrieben und so zu Trägern der Haskalah-Literatur und der modernen jüdischen Wissenschaft sowie der allgemeinen Aufklärung im Osten geworden sind.*) Auch unter den neuesten hebräischen Schrifstellern wird es nicht wenige geben, die erst in der Muße der Kestzeit Gelegenheit zur Begründung und Entfaltung ihrer literarischen Tätigkeit gefunden. In Fällen, wo der Mann nach Beendigung des Kestessens einen Erwerb, sei es durch persönliche Unfähigkeit für praktische Betätigung, nicht aufnehmen kann, oder eine geistige Beschäftigung, seinem Wissen entsprechend, als Rabbiner, Rabbinatsassessor u. dgl., nicht findet, oder gar die Frau es selber nicht wünscht, daß ihr frommer bloß Gott und der heiligen Thorah lebender Mann in das Gewühl der Straße und das profane, leidvolle, geist- und herzlähmende Jagen nach dem täglichen Brot sich begebe, übernimmt sie es selber, zumeist freiwillig, im letzteren Falle sogar mit Freuden, die Mühen und Lasten des ganzen Hauses zu tragen. Diese Verhältnisse haben im Osten den Typus der selbständigen Handels- und Geschäftsfrau geschaffen, dem die öffentliche Meinung das Ehrenprädikat „Eschet chail" (Heldenweib) beilegt. Fast in jeder Stadt ist eine solche „Eschet chail" zu finden, mitunter auch mehrere. Die *) Ein sehr tristes Bild eines kestessenden Schwiegersohnes gibt uns von sich selber Salomon Maimon in seiner Selbstbiographie, was aber hauptsächlich in den minderwertigen Charaktereigenschaften Maimons selbst seinen Grund hat.

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