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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 12 · p. 571

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 12
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
571 (sequence 7)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden S7i Vermögen einbüßt, was übrigens den meisten jungen Ehemännern, die selbständig mit ihrer Mitgift zu handeln beginnen, bei den ersten Geschäften widerfährt*). Wenn nun ein solch gewesener Kestesser, sei es durch die ausschließliche Geistesarbeit, sei es durch eine lange Frist sorgen- und arbeitslosen Daseins, seine Energie eingebüßt hat und in den praktischen Fragen des gewöhnlichen Alltags ein unbeholfenes Individuum bleibt, oder durch Mißgeschick im Handel infolge persönlicher Unfähigkeit oder der allgemeinen trüben wirtschaftlichen Verhältnisse seine Habe verliert und sein tägliches Brot nicht verdienen kann, dann fällt er oft der Gesellschaft zur Last. Zumeist werden aber solche, insofern sie über einen genügenden Wissensgrad verfügen, zu Rabbinern, Beisitzern beim Rabbinat, Schächtern, Synagogendienern, Lehrern (Melamdim), und wenn einer sich schämt, zu Hause, wo er einst bessere Tage gesehen, diesem letzteren ärmlichen Berufe nachzugehen oder gar keine Verdienstmöglichkeit findet, so geht er in fremde Städte, um dort ein „Melimdes" (Lehrtätigkeit) zu begründen und zu „knellen"**), wo er alsdann unter unsäglichen Entsagungen und Entbehrungen sein Dasein fristet und zumeist bloß einmal im Jahre (zu Pesach) für einige Tage seine Familie besucht, die er durch seine vom Munde abgesparten Groschen erhält. Aus solchem Kreise kommen auch die Heiratsvermittler (Schadchanim) wie überhaupt jene Gesellschaftsschicht, die man schlechtweg als „Luftmenschen" bezeichnet. Ohne bestimmten Erwerb oder Beruf sehen sie sich genötigt, allerhand unsicheren, gewagten, aber immer schweren Verdiensten, wie z. B. Maklerei, Kleinkrämerei, Hausiererei usw., nachzugehen. Sie leben zumeist in bitterster Not trotz schwierigster Arbeit und Mühe und wissen oft nicht am Abend, wo sie am nächsten Morgen das trockene Brot für sich und ihre Familie hernehmen sollen. Es muß aber bemerkt werden, um Mißverständnissen vorzubeugen, daß nicht etwa das „Kestessen" die alleinige Ursache der Entstehung der Kategorie der Luftmenschen bilde oder daß etwa die Gesamtheit oder ein großer Teil dieser Luftmenschen aus Leuten bestehe, die durch das Kestessen die Fähigkeit zu normalem Erwerbe sei es eingebüßt oder nicht gehörig ausgebildet haben. Unter den ,,Luftmenschen" findet man auch einst kestessende Individuen, die äußerst tüchtig und mit bedeutenden kaufmännischen Fähigkeiten begabt sind, die aber zu Armut und Not verurteilt sind lediglich durch die allgemeinen sehr schweren wirtschaftlichen Verhältnisse der Ostjuden überhaupt, durch welche unendlich viele lebendige und produktionsfähige Kräfte, zumeist von oben her absichtlich lahmgelegt, ein künstliches jüdisches Parasitentum schaffen und das schmerzensreiche ostjüdische Elend täglichgrößer werden lassen. Bei den den Juden überhaupt für Handel und Gewerbe angeborenen Talenten sind kestessende Schwiegersöhne, die aus Unfähigkeit Luftmenschen gewordea *) Im Osten gilt die Regel: „Zuerst muß man den Nedan (Nedunj ah Mitgift) verlieren, dann wird man erst ein richtiger Soicher (= Kaufmann)." Es kommt dies daher, weil mit der Mitgift die ersten Geschäfte gemacht werden und diese, weil die ersten, durch Unkenntnis und Unerfahrenheit des Handelnden gewöhnlich verlustbringend sind. **) Die Etymologie des Wortes „knellen" ist bis heute unbekannt. Manche wollen das. Wort vom englischen „knowledge" (Wissen) ableiten, aber mit Unrecht. Unter dem Ausdruck „knellen" wird seit Jahrhunderten im Ghetto der deutschen Juden, in der deutschjüdischen Frauenliteratur wie auch bis heute im ganzen jüdischen Osten überall ausschließlich: Kinder unterrichten verstanden. (Siehe auch: Tendlau, Sprichwörter und Redensarten der deutsch-jüdischen Vorzeit, Seite 62.)

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