Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 570 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101149-3104101--2991-3104146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
570 Samuel Rappaport: seine Familie selbständig erhalten zu können. Es kommt mitunter vor, daß der im Vertrauen auf eine gute Zukunft kestversprechende Schwiegervater im Haschen nach einem gewünschten Gatten für seine Tochter mit dem üblichen „Gott wird schon helfen! ich habe bituchon" bei den verschiedenen Versprechungen und übernommenen Verpflichtungen seine materielle Leistungsfähigkeit weit überschätzt hatte, oder, wenn auch zur Zeit der Verlobung und Verheiratung noch sehr reich, im Laufe der Zeit jedoch durch allerhand Ungunst der geschäftlichen Konjunkturen sein Vermögen einbüßt, was bei den anormalen sozialen Verhältnissen der Ostjuden leider nicht selten vorkommt, und auf die traurige Stufe eines „Jojred" (Jored Herabgestiegener, mit welchem Worte ein von Reichtum zur Armut Herabgekommener bezeichnet wird) herabsinkt*), oder gar in große und viel Gewinn versprechende Unternehmungen verwickelt, jäh dahinstirbt, und in Ermangelung des leitendes Kopfes durch planlose Führung oder rasche Liquidierung der Geschäfte auf Drängen von Gläubigern das ganze Gebäude zusammenbricht und das wirkliche oder vermeintliche große Vermögen des verstorbenen Schwiegervaters zum Schmerze der Hinterbliebenen als ganz verloren erscheint. Tritt solch ein unvorhergesehener Fall ein, dann sieht sich die bis nun im Wohlstand lebende Familie plötzlich, sozusagen über Nacht, vor die bitterste Not gestellt. Der bis dahin in sorgenlosem Dasein dahinlebende kestessende Schwiegersohn steht nun neuen, ungeahnten Aufgaben und Pflichten gegenüber, denen er nach seiner bisherigen Lebensweise und Geistesrichtung sich keineswegs gewachsen zeigt. Aber selbst wenn ein solcher Schwiegersohn nach normalem oder durch manche Zufälle früher beendetem Kestessen einen eigenen Haushalt begründet und mit seinem eigenen Kapital ein Gewerbe oder sonstige Geschäfte zu betreiben beginnt, dann zeigt sich mitunter, daß er im „Lernen" zwar sehr tüchtig, daß aber sein bis dahin in erster Linie auf theoretische geistige Arbeit eingestelltes Denkvermögen für Handel und wirtschaftliche Tätigkeit überhaupt ganz unfähig ist und bald nach den ersten Geschäften sein ganzes *) Das tiefe Gottvertrauen (bittachon), das den Ostjuden stets und in allen Lagen des Lebens erfüllt, ist der Talisman, der ihm seine fast unüberwindliche seelische Widerstandskraft verleiht. Aus diesem Umstände ist es zu erklären, daß der Ostjude auch bei größter Armut und ungünstigsten Verhältnissen keine Verzweiflung kennt. Der Selbstmord ist im jüdischen Osten trotz der furchtbaren Not ganz unbekannt, wobei natürlich das Verbot des Selbstmords von seiten der Tradition beteiligt ist, das aber ohne den lebensbejahenden Grundzug der jüdischen Psyche nicht hinreichen würde. Dieser äußert sich auch im geschäftlichen Leben. Der Ostjude unternimmt Geschäfte, die sein Können oft übersteigen, mit den Worten „Gott wird schon helfen", und oft genug bleibt ein guter Erfolg, mitunter gegen alles Erwarten, nicht aus, wobei aber auch die angeborene Rührigkeit und Arbeitsamkeit und nicht in letzter Reihe die am Talmudstudium trainierte geistige Elastizität nicht geringe Dienste leisten. Gelingt aber ein Unternehmen nicht und geht dabei ein Teil des Vermögens oder sogar die ganze Habe verloren, so tröstet sich der Ostjude, ohne im geringsten zu verzweifeln, mit den Worten: „Es war nicht beschert, Gott hat nicht gewollt, er wird aber wieder helfen." Ein solch arm gewordener, einst reich gewesener Mann bekommt den traurigen Titel „Jojred". Ein Jojred trägt trotz seiner Armut noch immer einen Rest von Stolz, der ihm aus früherer Zeit geblieben ist, zur Schau, da er noch immer hofft, in seinen früheren Stand zurückzukehren. Da die Reichen sich gewöhnlich mit vornehm gelehrten Familien verschwägern, gilt zumeist ein solcher „Jojred" durch seine vornehme Abkunft bzw. Verwandtschaft als „Jijchusu (Adel), und reiche Emporkömmlinge suchen sich mit solchen zu verschwägern, zumal deren Kinder in der Regel gut und gelehrt erzogen werden. Es gibt Leute, die im Leben oft arm und wieder reich werden; von einem solchen sagt man: „er ist oft auf dem Tisch und unter dem Tisch".