Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Bedeutung der Erbpacht für den Neuaufbau Palästinas
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 558 (sequence 4)
- Language
- German
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558 Fritz Sternberg: Parzellierung und Latifundienbildung zu verhindern liegt in der Macht des Nationalfonds und der nationalen Organisation, solange sie Obereigentümer sind, und diese Gefahren sind bei unserer palästinensischen Kolonisation größer als anderwärts, da wir mit Einwanderern zu rechnen haben, die erst an landwirtschaftliche Betätigung zu gewöhnen sind, die somit weit eher zum Verkauf der Ländereien neigen als Kolonisten in europäischen Ländern, denen in der größten Mehrzahl ein landwirtschaftliches Milieu nicht fremd ist. — Eine Übergabe zu vollem Eigentum würde in vielen Fällen nichts anderes bedeuten als eine Entnationalisierung des Bodens. Der Boden eines Landes wird weder durch das Schwert noch durch das Geld gewonnen, sondern durch die Arbeit. Franz Oppenheimer betont mit Recht, daß wir bisher einen großen Teil unserer Kolonien auf nationales Verlustkonto buchen mußten, da sie durch Araber bewirtschaftet wurden. Nur das Obereigentum verbunden mit der Erbpacht kann einer Entwicklung in diesem Sinne vorbeugen. Die Erbpacht bzw. das Rentengut gibt den nationalen Organisationen die Möglichkeit, ihr Werk auch auf die Dauer vor Spekulationen zu schützen und so eine gesunde Grundbesitzverteilung im Lande zu schaffen. Ihre Wichtigkeit kann kaum überschätzt werden; sie ist die Voraussetzung für eine gerechte soziale Gliederung des .ganzen Volkskörpers. Man kann wohl heute sagen, ein Volk wird aufgebaut sein auf freien unabhängigen Landwirten, oder es wird nicht sein! Die Grundbesitzverteilung ist die Voraussetzung für den gesamten sozialen Neuaufbau Palästinas. Eins der schwierigsten Probleme bei der neuen Siedelung dünkt mich, sie in Einklang zu bringen mit dem unausrottbaren jüdischen Selbständigkeitsdrang. Wir wollen nicht vergessen, daß unsere Aufgabe damit nicht gelöst ist, wenn wir in Palästina eine andere Berufsschichtung der Juden erreichen als in den europäischen Ländern, wenn die Landwirtschaft einen größeren Prozentsatz der Bevölkerung ausmacht, das Handwerk sich stärker verbreitet. Die schwierigste Frage ist es, ein Gemeinwesen aufzubauen, das dem jüdischen Unabhängigkeitsgefühl entgegenkommt. Kein Jude vermag es sich auszudenken, sein ganzes Leben in Abhängigkeit verbringen zu müssen; er will für sich selbst Selbständigkeit, und sieht er sich außerstande, sein Ziel bis zu seinem Lebensabend zu erreichen, so erstrebt er es für seine Kinder oder verlangt, daß seine Klasse Besitzerin der Produktionsmittel werde. In Osteuropa ist dies nicht anders als in Palästina; die gedrücktesten jüdischen Arbeiter, die „Luftmenschen", werden sich niemals sklavisch in ihr Los finden, es als gottgewollte Abhängigkeit betrachten, nie werden sie vergessen, auf Mittel zu sinnen, unabhängig zu werden und ihr bescheidenes Auskommen selbständig zu erlangen; ebenso wie in Palästina die Landarbeiterfrage nichts anderes ist, als Methoden zu finden, um die Landarbeiter allmählich zu Kolonisten zu machen. An dieser Stelle kann das Problem nur angedeutet werden. Es gilt, soziale Formen zu schaffen, die eine Synthese bilden zwischen dem Drang nach Selbständigkeit und der Einordnung in eine große Gemeinschaft. Von der Schaffung dieser neuen Formen wird es zum Teil abhängen, ob Palästina einmal der Mittelpunkt der Juden der Welt sein wird, ob nicht. Sie werden entscheiden, ob die jüdische Siedelung lebensfähig ist, zugleich aber auch, ob sie fähig ist, Werte zu schaffen, die über die Grenzen Palästinas hinaus von Bedeutung sind.