Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Organische Willensbildung im öffentlichen Leben
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 553 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Organische Willensbildung im öffentlichen Leben 553 können und führt nicht zur Überzeugung von der Notwendigkeit des gemeinsamen Vorwärts. — Ich habe in einem Büchlein „Organische Demokratie" (erschienen im Verlage „Der neue Geist", Leipzig, 1918; vgl. auch die Neue Rundschau, 1918, Aprilheft) diese theoretischen Erfordernisse einer organischen Willensbildung in der Politik genauer auseinandergesetzt und auch einen praktischen Vorschlag gemacht, der den aufgestellten Prinzipien gerecht zu werden sucht. Das Hauptaugenmerk ist darauf gerichfet, das jeder Einzelne Gelegenheit hat, seinen realen Willen voll und ganz zur Geltung zu bringen, daß die Willensrichtungen der einzelnen Individuen derart miteinander in Beziehung treten, daß sie sich zu einem synthetisch gebildeten gemeinsamen Willen formen und daß jener Willensteil, der in den gemeinsamen Willen einfließt, für einen jeden das Wichtigste seines eigenen Willens bedeutet. So entstehen die großen politischen Richtungen durch natürliches Wachstum aus der breitesten Basis der Einzelwillen. Sie werden nicht dem Individuum als künstliche, zufällige, in einem Parteiprogramm aus den verschiedenartigsten äußeren Gründen zusammengekoppelte Weltanschauungen unter der Sanktion: friß, Vogel, oder stirb! dargeboten, sondern entstehen und konsolidieren sich normal und von unten auf. So haben nicht nur die Programme von zwei oder drei Parteien, die zufällig Aussicht auf Majorität haben, die Möglichkeit, wirksam zu werden, sondern der ganze Reichtum menschlicher Willensziele. Aus diesen Gründen bilden — nach meinem Vorschlag — die Grundlage politischer Willensbildung die „Einzelgruppen". Zu solchen kann sich — in vollkommenster Freiheit—eine bestimmte Anzahl (beispielsweise: 1000) Individuen vereinigen, welche gleiche politische Ziele haben, mögen diese nun beruflich, wirtschaftlich, sozial, kulturell oder religiös oder eine Verschmelzung solcher Elemente sein, wie sie eben tatsächlich bereits vorhanden ist oder sich allmählich ausbildet. Die Gleichgesinnten treten also zu einer Gruppe zusammen, welche ihren gemeinsame^ Willen dadurch zur Geltung bringt, daß sie Beschlüsse faßt und diese Beschlüsse an die ihr übergeordnete Gruppe, die „Mittelgruppe" weitergibt, welche aus Delegierten verschiedener Einzelgruppen besteht, in deren Programm etwas Gemeinsames enthalten ist. Das Gemeinsame in den politischen Zielen der Einzelgruppen wird also in höheren, bereits einen weiten Bevölkerungskreis darstellenden Gruppen zusammengefaßt. In diesen Mittelgruppen, die also aus Männern bestehen, welche aus den Einzelgruppen wegen ihrer besonderen Eignung in die höhere Gruppe entsendet wurden, werden die Beschlüsse der Einzelgruppen einer weiteren Beschlußfassung unterzogen, treten also hier bereits mit den Willensmeinungen anderer wohl verwandter, aber doch verschiedener Einzelgruppen in Wechselwirkung. Über den Mittelgruppen stehen dann in derselben Weise wie die Mittelüber den Einzelgruppen die höchsten Körperschaften, im Range unserer Parlamente, entweder ein gemeinsames, oder zwei bis drei fachlich gesonderte Parlamente, welche dann etwa in einem engen gemeinsamen Ausschuß ihre höchste Spitze und gleichzeitig die Spitze der ganzen Pyramide bilden. In der Einzelgruppe findet nun ein jeder seine volle politische Betätigung. Er ist aber nicht auf eine einzige angewiesen; vielmehr hat er das Recht, Mitglied mehrerer (beispielsweise von fünf) sEinzelgruppen zu sein. Ebenso hat auch die Einzelgruppe das Recht, in mehrere Mittelgruppen (etwa drei) Delegierte