Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Organische Willensbildung im öffentlichen Leben
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 552 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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552 Felix Weltsch: Richtungen führen, die Zwischenstationen und Teilziele, in die sich die Einheit des Endziels durch den Reichtum des Lebens und der Wirklichkeit spaltet, und die von den Einzelnen je nach psychischer Veranlagung, Schicksal und Entscheidung für die richtigen angesehen werden. Mit allen diesen Zielen tritt nun das Individuum in die Gemeinschaft ein, und das bedeutet, daß es auf viele dieser Ziele verzichten muß. Der Wille eines Robinson stößt praktisch nur an die Schranken der Natur; der Wille eines politischen Wesens an den Willen der Mitlebenden. Soll ein Gesamtwille entstehen, so ist es nötig, daß sich die verschiedenen Willensrichtungen irgendwie anpassen; und das ist nur möglich, wenn ein jeder auf etwas verzichtet. Da nun die verschiedenen Ziele für das Individuum nicht von gleicher Wichtigkeit sind, so ist es selbstverständlich, daß ein jeder, wenn er schon auf etwas verzichten muß, am liebsten auf jene Wünsche verzichtet, die ihm weniger wertvoll erscheinen. Die politische Willensbildung ist dann sinnvoll, wenn sie dem Einzelnen ermöglicht, seine politischen Ziele mit abgestufter Betonung je nach ihrem subjektiven Wert zum Ausdruck zu bringen. Ich nenne das die Möglichkeit des Verzichts auf das subjektiv Mindergewertete. Es ist nicht nötig, des Näheren auszuführen, daß die europäischen Parlamentsverfassungen und Wahlrechte diese Möglichkeit nicht oder zumindest nur in allerrohester, kaum mehr wesentlicher Weise gewähren. Soviel über das Repräsentativsystem — vom Einzelnen aus gesehen. Die Mängel kommen aber auch zum Vorschein, wenn man die willensbildende Körperschaft selbst betrachtet. Das Wichtigste, was von einer Gemeinschaft verlangt werden muß, in der aus verschiedenen Willensrichtungen ein Gemeinwille zusammengeschweißt werden soll, ist, daß die Ausgleichungen dieser Willensziele nicht in der Art einer Subtraktion, einer gegenseitigen Nivellierung, eines Kompromisses, sondern als schöpferische Synthesen vor sich gehen. Der Unterschied liegt darin: Das Kompromiß entsteht als Resultat gegeneinander kämpfender Meinungen so, daß das Widersprechende sich aufhebt und nur das wenige Gemeinsame übrigbleibt; bei der Synthese dagegen befruchten einander diese Meinungen, so daß als Resultat eine neue, beide Meinungen in sich fassende und sie doch weit überholende Willensrichtung schöpferisch erzeugt wird. Eine solche Synthesenbildung ist nur dort möglich, wo die einzelnen Willenssubjekte derart zueinander stehen, daß ein jedes den Willen des anderen in sich zu erleben vermag, so daß aus diesem intensiven gemeinsamen Erlebnis die neue Willensrichtung geboren werden kann. Das erfordert aber, daß die einzelnen Personen nicht allzu verschieden voneinander sind, daß sie viel gemeinsamen Boden haben, daß es Individuen gibt, welche als Verbindungsglieder zwischen den vorhandenen Extremen funktionieren können, daß die einzelnen Willensziele nicht nur repräsentiert, sondern auch wirklich gewollt werden, und daß alle die Überzeugung beherrscht, daß man vorwärts muß und daß es nur einen gemeinsamen Weg gibt. Auch diesen Erfordernissen entspricht das Parlament des atomistischen Wahlrechts nicht. Hier stoßen die politischen Interessen mit ihren schärfsten Kanten aufeinander. Ohne organisch entstandene Binde- und Mittelglieder, ohne Verwandtschaft, ohne Gemeinsamkeit stehen sie feindlich und kalt einander gegenüber. Der Wille wird nur „vertreten", und diese mandatartige Ausübung des Willens gibt nicht die Freiheit, den Willen des Genossen ernstlich nachfühlen zu