Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 548 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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548 Amitai: Chronik als die Übernahme der nationalen Form in der politischen Aktion) war das nächstliegende Ziel des Zionismus. Solange es noch nicht erreicht war, übernahm er die Vertretung des Volkes, mußte er sie übernehmen. Nun, da es im wesentlichen erreicht ist, da die Juden aller Länder gelernt haben, politisch geeint aufzutreten und jüdische Politik zu führen (und jüdische Politik, sowie sie die Gesamtheit betrifft, kann nur jüdisch-nationale Politik sein), kann der Zionismus das Mandat, das er für die Gesamtheit innegehabt hat, in deren Hände zurücklegen. Bedeutet dies das Ende des Zionismus? In seiner heutigen Form allerdings. Zweierlei erstrebt er in seinem Programm: die Anerkennung der Juden als Volk (durch die Juden selbst und durch die anderen Völker) und die Schaffung der Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Die Kongreßbewegung, wird sie einmal endgültig durchgeführt und der Weltkongreß eine dauernde Institution, die von allen anerkannte Repräsentanz der gesamten Judenheit geworden sein (worüber naturgemäß noch eine geraume Zeit vergehen mag), wird beide Ziele des Zionismus in seiner heutigen Form verwirklichen. Er wird die politische Einigung der Juden als Volk herbeiführen; er wird im Namen dieses Volkes Palästina als seine Heimstätte anerkennen. Damit wird der anormale Zustand von heute, daß die Existenz einer besonderen zionistischen Organisation notwendig ist, die zu ihrem Programm nur Ziele hat, die eigentlich Ziele des gesamten Volkes sein müssen, überwunden sein. Im Grunde ist die Existenz des Zionismus als politische Bewegung absurd und der krasseste Ausdruck unserer bisherigen und (teilweise) auch noch heutigen anormalen inneren Verfassung. Sie ist so absurd, wie es die Existenz einer deutschen Partei wäre, die zu ihrem Programm nur die beiden Thesen hätte: die Deutschen sind ein Volk und Deutschland ist ihr Land. Das Programm des Zionismus ist nur die selbstverständliche Plattform aller wahrhaft nationaljüdischen Politik, ist nur die selbstverständliche Voraussetzung aller spezifischen Parteiprogramme. Jede Normalisierung und Gesundung der inneren Verfassung unseres Volkes mußte diesem Zustand ein Ende machen; nichts kennzeichnet stärker und deutlicher die fruchtbare Entwicklung, den schnellen Gesundungsprozeß, den wir in den letzten Jahren durchschritten haben, als daß gegenwärtig schon dieses Ende in sichtbare Nähe gerückt ist. Damit wird erst Raum geschaffen sein für einen neuen, für den eigentlichen Zionismus, der wirklich eine Sonderrichtung mit spezifischem Sonderprogramm darstellen wird. Das Selbstbewußtsein als Volk und die Bejahung Palästinas als der Heimstätte des jüdischen Volkes, dieses Programm des gegenwärtigen Zionismus, wird Programm der Gesamtheit sein, Voraussetzung aller anderen Parteiprogramme. Und der erneuerte Zionismus wird dann die palästinozentrische Bewegung innerhalb des Judentums, die Sammlung aller Juden sein, die wirklich selbst nach Palästina wollen, die für sich das Galuth verneinen, denen Palästina nicht mehr nur politische Forderung, sondern persönliches Postulat ist. Diesen Charakter trägt der Zionismus zum Teil schon gewiß heute. Aber eben diese Doppelhaftigkeit seines Wesens, daß er einmal Darstellung und Vertretung des Volkes in seiner Gesamtheit und damit nur politische Organisation ist, daneben aber auch persönliche, innere, seelische Forderungen für seine einzelnen Anhänger erhebt, sie ist letzhin ein innerer Widerspruch in der Struktur des gegenwärtigen Zionismus, die Ursache mannigfacher und unlösbarer Konflikte. Der Zionismus, wie er gegenwärtig sich darstellt, repräsentiert ein Übergangsstadium: zwischen der Phase, da er allein die politische Vertretung der Gesamtheit sein mußte, und der