Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 549 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Felix Weltsch: Organische Willensbildung im öffentlichen Leben 549 anderen, da diese selbst sich politisiert und politisch organisiert haben wird. Ist diese zweite Phase definitiv erreicht und durchschritten (was zu bewirken die Aufgabe der Kongreßbewegung ist), dann wird der Zionismus die Doppelhaftigkeit, den widerspruchsvollen Doppelaspekt seiner gegenwärtigen Struktur überwunden haben und das werden, was er seiner Idee nach, eingestellt in ein aktiviertes und geeintes jüdisches Volkstum, sein soll: die Bewegung» die innerhalb des in Palästina und der Diaspora lebenden Volkes die palästinensische Daseinsform vertritt, eine nur innerliche, von seelischen, geistigen und sittlichen Motiven getragene, in sittliche und seelische Postulate ausmündende Bewegung. Der heutige Zionismus will von Anbeginn seiner Wirksamkeit das gesamte jüdische Volk repräsentieren, will das gesamte jüdische Volk werden; die Zeit ist angebrochen, da er vor der Verwirklichung dieses Willens steht. Der neue, eigentliche Zionismus wird nicht den Anspruch erheben wollen, die jüdische Gesamtheit zu vertreten, solange es eine jüdische Diaspora geben wird. Er wird eine wahrhafte Sonderrichtung sein, schmäler in seiner Basis, aber umso tiefer in seinen Wurzeln, umso reiner, entschiedener, klarer in seinen Zielen und Postulaten. Diese Aspekte, die die Kongreßbewegung eröffnet (es sind nur einige wenige, die ich angedeutet habe), zeigen, von welch weitreichenden, umwälzenden Wirkungen die Verwirklichung des Kongreßgedankens begleitet sein wird. Die Folgen, die sie für den Zionismus auslösen wird, wird sie in analoger Form für alle anderen jüdischen Parteien herbeiführen. Die Kongreßbewegung wird eine Umschichtung der Gruppierungen und Strömungen innerhalb des Judentums bewirken; sie wird die gesamte gegenwärtige innere Struktur innerhalb unseres Volkes von Grund auf ändern. Sie bedeutet das Ende des Übergangsstadiums des Judentums von seiner atomisierten, passiven Existenzform zu derjenigen eines aktivierten, politisch anerkannten und geeinten nationalen Subjektes. Sie kennzeichnet den Beginn der neuen, gesunden, aktiven, politischen Epoche der jüdischen Geschichte, in der das Galuth in der Idee und mit dem Aufbau Palästinas auch faktisch überwunden wird. Der Krieg hat das Ende der bisherigen jahrhundertelangen Existenzform unseres Volkes, das Ende des Galuth gebracht. Die Kongreßbewegung, das organisatorisch-politisch wichtigste und unmittelbarste Ergebnis der Kriegsentwicklung für uns Juden, steht am Anfang der neuen Zukunft unseres Volkes und öffnet mit großer, wuchtiger Gebärde die Tore der neuen Zeit, der wir entgegengehen. A m i t a i ORGANISCHE WILLENSBILDUNG IM ÖFFENTLICHEN LEBEN Es scheint kein kleiner Widerspruch: Organisches organisieren zu wollen. Organisch ist ein Wesen, das von selbst wächst; organisieren aber heißt: künstlich einrichten. Und doch hat es einen guten Sinn. Eine Pflanze wächst wohl selbst, aber sie tut dies um so besser, je fetter das Erdreich ist, in das man sie gepflanzt hat, je reicher die Bewässerungsanlage ist, die man geschaffen hat, je durchdachter und sorgsamer die Pflege ist, die man ihr angedeihen läßt.