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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 12 · p. 544

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 12
Article
Vor der Entscheidung
Date
1918-01-01
Page
544 (sequence 4)
Language
German
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544 Martin Buber: Macht und Machthaber in einem, und das „jüdische" Palästina inmitten geistesverwandter Gebilde versinkt Ein krasses, ins Äußerste getriebenes Bild — gewiß; aber kein phantastisches. Streiten doch zwei Wesen, zwei Völker in unserer Seele, wie in keiner: Schöpfungswesen und Schacherwesen, Gottesvolk und Mammonsvolk. Alles Große unserer Galuthgeschichte war ein innerer Sieg, keins ein endgültiger. Was ist denn Zionismus anderes als der Wille zum endgültigen Sieg der guten Kraft in uns? Was er anstrebt, Freimachung aus der ^hängigkeit vom europäischen Staatengetriebe, Rückführung zum naturhaften Arbeitsleben, Vergemeinschaftung des heimatlichen Bodens, alles dient diesem einen: der Bezwingung des Schachergeistes durch den Schaffensgeist. Es ist der Entscheidungskampf, der uns bevorsteht. Sein Ausgang hängt davon ab, ob es uns gelingen wird, den Aufbau des Landes dem Einfluß der negativen Kraft zu entziehen. Wird aber auf Zion eine Agentur des wirtschaftlichen und politischen Imperialismus errichtet, dann wird all unser Mühen vergeblich sein. Die Juden werden wir aus dem Staatengetriebe freigemacht haben, das Judentum wird ihm erst jetzt verfallen; die Einzelnen werden wir der unfruchtbaren Betriebsamkeit entrissen haben, um das Volk ihr preiszugeben; den Boden werden wir dem Wücher entzogen haben und mit der Seele Wucher treiben. Denn die reine Judenseele, die unerschlossene, ist die Todfeindinder fressenden Macht; sie dieser ausliefern hieße Gottes Kind der Schande verkaufen. Ich rede keineswegs gegen eine mittelnde Funktion des palästinensischen Judentums zwischen Abend- und Morgenland — im Gegenteil! Wir, die wir Orientalen und Europäer sind, haben wahrlich Eignung und Beruf, das Tor des Geistes und des Lebens in der von der Geschichte aufgerichteten Mauer zwischen dem erhabenen Mutlerkontinent und seiner überreichen und zerfahrenen Halbinsel zu werden; aber dieser unserer Aufgabe sollen wir nicht im Dienst eines mächtigen und gezeichneten, sondern im Bund mit einem noch schwachen, aber zukunftsheiligen jungen Europa entgegengehen, nicht vermittelnder Agent einer faulenden, sondern mittelnder Mitschöpfer einer jungen Kultur. 3- Wir können unsere Siedlungsarbeit nunmeht in wesentlich erweitertem Maße, nicht mehr unter dem türkischen Joch, sondern in der freien Atmosphäre des britischen Imperiums und mit dem offen ausgesprochenen und zugestandenen Ziel der Entwicklung zu einem autonomen Gemeinwesen fortsetzen. Man hat, was ich sage, nicht verstanden, wenn man meint, ich hätte für die freie Atmosphäre des britischen Imperiums kein Verständnis und keine Schätzung, Ich habe Bewunderung für sie. Seit den Tagen des „civis Romanus sum" (dessen Zauber wunderlicherweise das judäische Völklein widerstand) hat es auf Erden kein weltliches Hochgefühl von solcher Spannkraft und solcher Wucht gegeben wie das des britischen Bürgers in diesem Augenblick der Gipfelmacht seines Reiches. Von seiner helläugigen, breitstirnigen Freiheit gehen Strahlen der Faszination aus zu den Völkerschaften, die er in den Bannkreis seiner Glorie zieht Auch die sich gegen ihn wehren, erliegen ihm innerlich — sehr bald nachdem sie ihm äußerlich erlegen sind. Aber wer möchte sich heute noch gegen ihn wehren? Andere Mächte suchen den Ländern, die sie sich angegliedert haben, an Stelle der eingeborenen Art und Kultur die eigene aufzuerlegen, die Geister der unterjochten Nationen empören sich wider sie; nicht

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