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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 12 · p. 543

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 12
Article
Vor der Entscheidung
Date
1918-01-01
Page
543 (sequence 3)
Language
German
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Vor der Entscheidung 543 fern bleiben zu dürfen schienen, doch noch einbezogen wurden, war unausweichliches Schicksal; kein Volk, das von ihr erfaßt worden ist, kann sich als einzelnes aus ihr lösen. Mehr als das: daß wir unser Recht auf Palästina geltend machten, sobald es sich ankündigte, daß über das Land entschieden werden sollte, war unsere unabweisliche Pflicht (die Methoden der Geltendmachung sind hier nicht zu erörtern); wir mußten seither zu unserem Recht stehen, mußten es vor den Instanzen, die zur Zuständigkeit gelangten, mit energischer Deutlichkeit vertreten. Aber darauf kommt es an, was wir, nun es uns zugesprochen worden ist, mit diesem Recht anfangen. Davon wird unter anderem auch abhängen, ob wir es einst vor einem rechtmäßigeren Areopag, als diese Friedenskonferenz, erfolgreich werden verteidigen können. Doch nicht das allein: alles hängt für uns davon ab, ob aus der Folge eines Vorgangs, der wahrlich nicht das Antlitz der Erlösung trägt, doch die Erlösung hervorgehen kann. Alles hängt davon ab, ob wir das uns zugesprochene Recht auf Palästina als Recht auf unser Palästina geltend machen werden. Auf ein Palästina, das in seinem Wesen unser wird. Und das bedeutet: ob es uns gelingen wird, unser Palästina in die herrschenden Methoden der abendländischen Politik, in das herrschende System der abendländischen Wirtschaft, in die herrschenden Lebensformen der abendländischen „Kultur" nicht einbeziehen zu lassen. Einer Politik, die, auch wo sie die Maske der Humanität vorbindet, die Ausnützung der Macht zum Zweck der Erweiterung der Macht meint, weil es ihr an Ideen fehlt; einer Wirtschaft, die, auch wo sie sozialistische Gebärden annimmt, den rücksichtslosen Profit meint, weil es ihr an Gemeinsinn fehlt; einer sich immer noch Kultur nennenden Zivilisation, die, auch wo sie sich geistiger Produktivität bedient, die wohlgeordnete öffentliche Lüge meint, weil es ihr an schöpferischer Wahrheit fehlt. Während des Krieges schienen diese drei dem preußischen Regime vornehmlich zu eignen; man hat seither eingesehen oder sollte eingesehen haben, daß Preußen-Deutschland sich von den Westmächten im wesentlichen durch ungeschickteres Verhüllen der wahren Meinung unterschied. Lassen wir unser Palästina in die herrschende Politik, Wirtschaft und Kultur einbeziehen, dann wird es nie unser sein: weil das echte Judentum — nicht das abgeartete, das jenen sich anpassen, ihr Gebaren übersteigern, ihnen huldigen gelernt hat, sondern das echte, von seiner religiösen Urkraft gewollte Judentum — sich nur in unzweideutiger Abhebung gegen sie auswirken kann. Mehr noch: Palästina wird eine zionisierende Galuth-Dependance sein, ja eine Herberge des innersten Galuthübels; weil an die Stelle der Anpassung von Individuen die Anpassung des Volkes treten wird. Die Führung in ihm wird alsdann den Anpassungsfähigsten zufallen, denen, die sich am besten auf unauffällige Machtausnützung, auf Profitverschleierung, auf Aufputz der öffentlichen Lüge verstehen. Und ein Heer von Agenten aller Art, kleindiplomatischen, welthändlerischen und journalistischen, wird sie umwimmeln, begabt und geschult für den Orientdienst der westlichen Machthaber, zu Aufträgen aller Art in nahe und ferne Länder, die in Europäisierung begriffenen, sich empfohlen haltend. Die Machthaber aber werden dem fügsamen und gewandten Faktotum ihre Gunst leuchten lassen. Bis ein Sturm, dessen Gewalt die bisherigen Revolutionen nicht ahnen lassen, den ganzen Prunkbau dieser Kultur mitsamt der Trugfassade seiner Wirtschaft und den hohlen Säulen seiner Politik hinwegfegt, 40*

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