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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 12 · p. 542

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 12
Article
Vor der Entscheidung
Date
1918-01-01
Page
542 (sequence 2)
Language
German
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542 Martin Buber: zur Hand gewesen wäre, hätte erfunden werden müssen — zu solcher Deckung. Aber kann er darin seine Erfüllung erblicken? Wenn dies der Tag des Zionismus wäre, so wäre der Zionismus nicht die Befreiung des Judentums. Kann das Judentum befreit werden, indem seiner immanenten Forderung, daß Recht und Wahrheit zwischen den Völkern seien, Gewalt angetan wird? Man wird mir den „Völkerbund" entgegenhalten. Aber was kann denn dessen Projekt, im Zusammenhang nicht der ideellen Voraussetzungen sondern der tatsächlichen Verhandlungen gesehen, anderes bedeuten, als eine neue, oberste Garantie des jetzt beschlossenen Machtzuwachses, die ihn im Gegensatz zu allen früheren unabänderlich machen würde, solange der Bund dauert?*) Und dazu (trotz aller Erklärungen gegen eine Einmischung in die „inneren Verhältnisse") einen Schutzapparat gegen alle Völker, denen es etwa — gleichviel oh unter der Anführung des deutschen oder des französischen, des russischen oder des englischen — beifallen könnte, sich ihrer angeblichen Vertretungen und deren Systems mit einem Schlage zu entledigen und — sich zu einem wahren Völkerbund zusammenzutun? Was da vorbereitet wird, ist ein Bund der Staatsordnungen, nicht der Völker; diese werden durch Phrasen verblendet, durch Versprechungen berauscht, durch Ausmalung drohender Gefahren geschreckt, durch Befriedigung aller niederen Instinkte dienstbar gemacht — daß sie sich auch weiterhin mit ihren Staatsordnungen identifizieren. Aber die Verstrickung kann nicht bleiben, die Völker nicht lange mehr von der Selbstbesinnung ferngehalten werden. Je länger es geschieht, aus um so katastrophaleren Vorgängen wird sie hervorgehen. Denn wenn Verstand gegen Element aufzukommen versucht, kann er den Ausbruch des Elements nur verzögern, und auch dies nur, indem er in gleichem Maße dessen Wucht steigert. Element aber, nur noch niederzuhaltendes, nicht mehr zu unterdrückendes Element ist in den Völkern die Ahnung einer möglichen Menschheit: weil die Brüderlichkeit auch ein Instinkt ist, und, wenn er erst wahrhaft erwacht, ein stärkerer als jene niederen, die heute eilfertig befriedigt werden. Läßt man es darauf ankommen, daß erst letzte Not, katastrophale Erschütterung ihn wecke, — wohlan! Wir sind von der gegenwärtigen Machtordnung der zivilisierten Welt als Nation anerkannt worden. Aber wer von uns in der Wahrheit der Einsicht steht, kann die gegenwärtige Machtordnung der zivilisierten Welt nicht anerkennen, und wer von uns in der Wahrheit der Schau steht, sieht ihren Zusammenbruch sich bereiten. Achten wir beizeiten, daß wir von der kommenden Ordnung bestätigt werden! Ganz besonders müssen wir darauf achten, weil andern Völkern nur eine vollzogene organische Entwicklung sanktioniert, der unsern (täuschen wir uns nicht!) vorgegriffen wurde. 2. Ich höre die Fiktivpolitiker, die sich Realpolitiker nennen (weil sie die Realität eines Tages, die ephemere Realität der Verstrickung zur Not überschauen), sich erbosen: „Seht doch den heillosen Ideologen! Der möchte wohl gar, daß wir den Mächten Palästina zurückwiesen, weil wir mit ihrer Moral nicht einverstanden sind!" Gemach! ich meine nicht, daß wir dergleichen sollten, ja nicht einmal, daß wir es könnten. Daß wir in die Verstrickung, der wir zu Anfang des Krieges •) Man berufe sich nicht auf die edlen Intentionen Einzelner. Es geht hier lediglich um den objektiven Zusammenhang, in dem alle Intentionen in ihren Folgen entarten müssen»

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