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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 12 · p. 541

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 12
Article
Vor der Entscheidung
Date
1918-01-01
Page
541 (sequence 1)
Language
German
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VOR DER ENTSCHEIDUNG I. Die Vertretung der Mächte, die gegenwärtig in Paris die Neuordnung der europäischen und vorderasiatischen Territorialverhältnisse beraten, hat — so wird gemeldet — die in dem Memorandum der Zionisten formulierten Forderungen im Prinzip angenommen. Überall, wo jüdisches Volkstum oder Wille zu jüdischem Volkstum lebt, herrscht eine stolze Freude über diese drei Dinge: daß wir von der gegenwärtigen Machtordnung der zivilisierten Welt als Nation anerkannt worden sind, daß uns das Recht auf Palästina zugesprochen wurde, und daß unsere Siedlungsarbeit nunmehr in wesentlich erweitertem Maße, nicht mehr unter dem türkischen Joch, sondern in der freien Atmosphäre des britischen Imperiums und mit dem offen ausgesprochenen und zugestandenen Ziel der Entwicklung zu einem autonomen Gemeinwesen fortgesetzt werden kann. Ich freue mich mit. Mein Herzschlag kann sich nicht von dem gehobenen meines Volkes scheiden, und ich fühle, wie es recht eigentlich heute erst aus den beklommenen Ghettogassen ins Licht des unbefangenen Lebens und der unvermauerten Natur zu treten meint. Aber ich freue mich nicht bloß mit, ich freue mich: ich bin es, der als Träger eigener Selbstbestimmung anerkannt und somit aus der Abhängigkeit vom „Herrenwillen" der mich beherbergenden Staatsnationen gelöst werde; ich, dem das Recht zugesprochen wird, auf unentäußerlich eigenem Boden zu pflanzen und zu ernten und in der Arbeit an der Zukunft meines Blutes von aller Problematik zu genesen; ich, dem es gewährt wird, an dem eigenen neuen, an einem standfesten Hause zu bauen. So viele und so lange Jahre war ich mit einem großen Teil meines Wesens Volk, eingetretenes, gehetztes, sein Leben erduldendes Volk; wie sollte ich heute nicht ein sich aufrichtendes, heimkehrendes, sein Leben zu schaffen entschlossenes Volk sein? Aber sowie ich mich über die eine Tatsache hinausbeuge, daß meinem Volk, daß mir solches zugesprochen worden ist, sowie ich recht ins Auge fasse, unter welchen Umständen, innerhalb welcher Pläne es geschah, drängt sich ein Widerspruch in meine Freude. Kann dies auch im innersten Sinn wahr sein? Hat sich wirklich schon, hat sich so die große Entscheidung vollzogen? „Der Tag der endgültigen Selbstbesinnung der Völker", das hatte ich, als sich das nun eingetretene Ereignis zuerst ankündigte, vom Zionismus erkannt, »wird auch sein Tag sein; keiner der Tage ihrer Verstrickung kann es werden". Dies ist kein Tag der Selbstbesinnung, nur neuer, vielleicht noch tieferer Verstrickung, dieser Tag, an dem die angeblichen Vertreter der Völker, die Fahne der distributiven Gerechtigkeit über ihrem Zelt gehißt, Garantien unbegründeten Machtzuwachses austauschen, ohne jeweilig der heute bei dem so gesteigerten allgemeinen sittlichen Interesse zum Unterschied gegen frühere Friedenskonferenzen unentbehrlichen moralischen Deckungen zu vergessen. Wie jede idealistische Bewegung, so eignet sich auch der Zionismus — der, wenn er nicht Heft 12. 4°

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