Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Abfall im Glauben
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 539 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau 539 Schon die Fragestellung des ersten der Breuerschen Werke*) ist nur aus zionistischer Ideologie verständlich: Was sind wir Juden, nicht unserem temporären Wunsche, sondern unserem gewordenen Sein nach? Mit einer Freude, welche die Rückkehr zu sich selbst verrät, stellt sich Breuer auf den Boden des jüdischen Nationalismus. Klar und absichtlich von verschiedenen Seiten aus weiß er es darzustellen, daß erst der Zionismus die unzweideutige, nur vom jüdischen Wesen und seiner Geschichte geforderte Lösung der Nationalitätsfrage gefunden habe. Er widmet sogar ein überschwängliches Kapitel dem Menschen Herzl — aber nur um ihn nachträglich gegen sein eigenes Werk auszuspielen. Denn während er den praktischen Zionismus der Verhandlungen und Verträge von seinen seelischen und kulturellen Voraussetzungen anfangs genau zu sondern weiß, so vermengen sich für ihn allmählich diese Unterscheidungen. Mit bedeutendem Pathos und nicht ohne die Gabe starker Formulierung wandelt er seine Schrift zu einer Streitschrift gegen den Zionismus. Mit dieser Verkennung der wahren Verhältnisse hätte sich Breuers Schrift von selbst erledigt, wenn nicht gerade die Erneuerungstendenz seines orthodoxen Glaubens, die Abfallgefahr im Glauben, ihn — gegen seinen Willen — auf zionistischen Kulturboden stellte. Breuers wesentlichstes Argument ist die Geschichte. Sie hat uns Juden zu einer Nation gemacht, wenngleich nur zum Gefäß einer Nation. Ihr Kulturinhalt aber müsse das Religionsgesetz sein, denn um seinetwillen habe uns die Geschichte erhalten. Das sei eben der historische Fehler, mehr: die historische Gefahr des Zionismus, daß er den Kulturinhalt des jüdischen Volkskörpers einer zukünftigen Arbeit in Palästina überlasse; damit bekenne er zumindest, daß ihm die historische Kultur, die Religion, nicht genüge, und damit verliere der Zionismus jeden Anspruch, von den übrigen Völkern, vor allem von den sozialistisch gesinnten, gehört zu werden. „Den Staat erstreben, um Kultur zu erzeugen, ist ebenso ungeschichtlich wie unsozialistisch." Diese Folgerung des Breuerschen Einwandes kann wohl nur die zionistische Außenpolitik treffen. Die Mitvölker geben aber weder auf vergangene Kulturleistungen einen Kreditbrief, noch einen Vorschuß auf Kulturversprechungen, sie fragen lediglich nach der Not der Gegenwart Sind die Juden, was doch Breuers Ausgangspunkt *) Judenproblem (bei Otto Hendel, Halle a. S.) Heft ii( ist, eine Nation, dann haben sie das lebendige Recht auf ihre physische Existenz. Daß wir aber eine Nation mit besonderen Kulturwerten, mit dem besonderen Glauben an eine Menschheitsmission sind, das alles mag den heiligsten, ergreifendstenlnhaltunseresnationalen Lebens bedeuten, aber es ist doch nur eine Angelegenheit nach innen, an uns selbst. Und nur wenn der äußere physische Rahmen eine Gefahr für den kulturellen Inhalt bedeutete, wäre er reif, gesprengt zu werden. Das aber ist nirgends Breuers Ansicht. Die Orthodoxie ist über die Phase technisch-ritueller Einwände gegen den Palästinastaat hinausgekommen. So verengert sich denn der Kampf Breuers gegen den Zionismus zu einem Kampf um die religiöse Tendenz des Zionismus. Und wieder ist die Geschichte sein wesentliches Argument. Aber die Geschichte ist ein vieldeutiges Gewebe, und wer ihren Sinn für die Gegenwart entwirren will, der bedarf eines ganz besondern Maßstabes, den ihm nur das eigene Erlebnis liefert; wir alle orientieren die Geschichte an uns. Auch Breuer drängt es nach der ethischen Voraussetzung seiner geschichtlichen Argumentation, und so holt er aus der Analyse eines alljährlichen jüdischen Erlebnisses, der Passahnacht, seine Grundtatsachen hervor. Wie etwa diese: „Es gibt keine jüdische Religion, es gibt nur eine jüdische Nationalgeschichte." Was verlangte der Zionismus je anderes, als die Rückkehr zum Erlebnis der jüdischen Seele? Nur von der jüdischen Seele kann die Erhöhung des jüdischen Volksgutes ausgehen, nur von dem Glauben an die jüdische Seele der Glaube an das jüdische Volk. Diese Erkenntnis, die der Zionismus in die jüdische Gedankenwelt gebracht hat, ändert für Breuer nun auch den Sinn der Orthodoxie. In bewußtem Gegensatz zu seinem Meister S. R. Hirsch sieht er das „Gesetz" nicht als eine Lehre oder eine Glaubensverkündigung an, sondern als nationale Verpflichtung und als einen Volks vertrag. Ich will die summarische Art, mit der Breuer das Vielfache der Gesetze übergeht, nicht durch Einwürfe zerstören; aber mir scheint es doch allzu bedenklich, die ganze Geschichte (und sogar die Geschichte des Gesetzes) seit den Tagen am Sinai oder wenigstens seit dem Verlust des Landes als eine unveränderte, vielleicht durch das Golus noch sanft gesteigerte Phase des Judentums der westeuropäischen Abfallperiode im 19. Jahrhundert entgegenzusetzen. Breuer fühlte wohl auch, daß von seinem neugewonnenen jüdischen Gegenwartserlebnis die Beziehungen zu der Fülle des Nationalgesetzes allmählich durchleuchtet werden müßten. Aber die Gefahren schienen doch 39