Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Abfall im Glauben
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 540 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau zu groß, und ihm blieb nichts anderes übrig, als abzubrechen und absurd dogmatisch zu fordern. So sagt er: „Der Gehorsam der Tat richtet sich nicht an die Überzeugung. Das Gesetz bindet den Willen, läßt aber die Persönlichkeit frei.1* Damit gab Breuer den Boden des religiösen Erlebens preis und redete sich in eine Gegnerschaft gegen den ungetreuen Zionismus hinein. Aber er mochte gleichzeitig fürchten, daß der Abfall im Glauben unvermeidlich sei, wenn er die religiöse Urkraftvom religiösen Nationalgesetz durch eine Kluft trenne. In einer zweiten Schrift*) suchte er diese Kluft zu überbrücken und kehrte zum religiösenErlebnis der jüdischen Seele zurück. Er erkennt nunmehr den Erlösungsdrang des Judentums als seinen lebendigen Grundcharakter und durchwärmt mit dem Gedanken des Messianismus das „Gesetz", das nur ein Mittel sei, das Volk für den Messias zu erziehen. Steht Breuer damit nicht abermals auf einem Boden, den gerade der Zionismus bereitet hat? Der Messiasgedanke flackerte in der Orthodoxie nur wie ein schmales Flämmchen, man hatte sich eben dauernd für das Golus eingerichtet. Ich führe als Zeugen nicht bloß Breuers eindringliches Pathos an, das anders nicht erklärbar wäre, sondern die Worte eines Mannes, der einen seltsamen Weg zur Orthodoxie zurückfand, Nathan Birnbaums: „Wenn die gläubige Judenheitnur einen Messiasglauben kennt, dem Sinn, Größe und bewegende Kraft fehlen . * . wenn ihr der Messias eine gleichgültige Zutat geworden ist, so muß sie eben aufmerksam gemacht werden, daß sie irrt und sündigt, so muß sie zu hei ße r, fruchtbarer Messiassehnsucht, zu freudiger Gewißheit, sich den Messias selber verdienen zu können, geweckt werden" (Gottes Volk). Ich kann Breuer den Vorwurf nicht ersparen, daß er Gedankenergebnisse dem Zionismus — der doch auch geistig eine Bewegung, nicht ein starres System ist — mit feindlicher Ergriffenheit entgegenwirft, die längst zu den Erkenntnissen des Zionismus gehören; ich denke an Grundsätzliches wie dieses: „ . . . die wahre Judeneinheit gehört der Welt des Sollens an. Sie ist nicht gege- *) Messiasspuren (bei RudolfL.Hamrnon, Frankfurt a. M,). ben, sondern sie ist aufgegeben." Brc:; rindet es in beiden Schriften nicht an eir.r einzigen Stelle für geraten, den Gegner se!-- zu Worte kommen zu lassen; man hat das Gefühl, als ob er Buber oder etwa den Prager Kreis übersehen wollte. Wie könnte sonst Breuer sagen, der Zionismus wolle die Juden bloß zu einer Nation unter den andern Nationen machen? Auch der Zionismus hat nur ein himmlisches Ziel vor sich, ein himmlisches Ziel für die Menschheit, aber es gibt viele irdische Stationen dahin, so unsere physische Sammlung in Palästina. Diese physische Sammlung ist nicht der ganze Zionismus, er ist nur seine weltliche Angelegenheit. Welche Methode freilich zur Förderung unseres unendlichen Zieles dienen wird, ob die kodiflziert-orthodoxe oder eine andere: das wird nur die religiöse Kraft der jüdischen Seele entscheiden. Der Glaube an die jüdische Seele aber muß im Anfang stehen. Auch Breuers Messianismus geht ja von diesem Glauben aus. Wohl kann er noch nicht alle Breiten des „Gesetzes" durchleuchten. Ich habe das Empfinden — und der starke Lyrismus Breuers bestätigt es —, daß mit dem Messianismus nur eine allgemeine Richtung angedeutet ist und daß zum eigentlichen Gesetze noch immer ein gutes Stück ist. Noch immer wird, wenn auch schon mit einer bedeutenden Tendenz, neben das religiöse Grundgefühl die unbedingte Autorität der Tradition verbindungslos gestellt Und ich glaube, daß hier im Golus die Brücke nie wird völlig geschlagen werden können. Denn hier ist die Stelle, wo die Orthodoxie für ihren Teil sogar mit dem politischen Zionismus sich versöhnen müßte: erst wenn das äußere Gefäß unseres Volkstums wieder gesunden wird und wir auch nach außen ein Leben werden führen können, das unserem tiefsten Wesen entspricht, wird es keiner Reformen und keiner Neuorientierungen bedürfen, um dem Abfall im Glauben ziientgehen. Auch die letzte zeremoniale Bestimmung wird vom innersten zentralen Licht durchhellt sein müssen, oder sie wird nicht bestehen. Nur der Zionismus kann die Orthodoxie vor einem Abfall im Glauben bewahren. Friedrich Thieberger Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Fritz Loewenstein, Berlin Wi5> Düsseldorfer Straöe 73. — Für Österreich-Ungarn: Dr. M.Präger, Wien I, RotenturmstraBe 22. — Verlag von R* Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.