Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Abfall im Glauben
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 538 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BUCHERSCHAU Abfall im Glauben Uns alle treibt nun einmal der Hang, die Erfahrung einer kleinen Geschlechterreihe, die wir miterleben, durch eine unendliche Vergangenheit bestätigen zu lassen. Wir müssen nun einmal dem schwankenden Rätsel, dem unser Dasein rettungslos gegenüberstünde, mit einem festen Halt begegnen. Darum pochen wir auf die Testamente der Vergangenheit, weil sie uns Gewähr und Schutz bedeuten. Wenn wir aber je vergäßen, daß der feste Halt, den wir im historischen Bewußtsein suchen, immer und immer neu gefunden werden muß, daß wir immer und immer dem schwankenden Rätsel des Daseins rettungslos gegenüberstehen, dann verwandelten wir unser Leben in eine bequeme Kulissenwelt, aus der wir den Weg zum Glauben nicht mehr fänden. Denn der Glaube ist die Deutung der uns unmittelbar erschütternden Welt. Und wie wir die immer wieder emporquellende Deutung mit unduldsamer Freude in den Zeugnissen vergangener Menschheitsschichten entdecken, so lassen wir uns willig von diesen Zeugnissen in neue Erlebnisse stürzen. Hier aber kann es geschehen, daß die Fülle des Mitgeglaubten den urspünglichen Glaubensgrund überwuchert und uns unvermerkt in den Bann eines beruhigenden Gefühls rückt. Der Glaubensgrund, das ist das religiöse Urerlebnis, wird in unserem Bewußtsein von einem anspruchsvollen, dafür selbstsichern Komplex von Erlebnissen verdrängt oder umstellt, die, wenn sie sich auch von ihrem Ursprung losgelöst haben, in breiter Wirksamkeit sich entfalten und verzweigen können. Das ist es, was ich den Abfall im Glauben nennen möchte. Die Gefahr des Abfalles liegt in jeder Orthodoxie, wie eben in jeder Kodifizierung des aufrechten Wandeins. Ich brauche nicht eigens anzumerken, daß dieser Abfall keinen Bezug hat auf die sogenannte Mechanisierung religiöser Bräuche oder Glaubensformeln. Gerade die lebendige religiöse Innigkeit, mit der sie den ganzen Menschen beanspruchen, nenne ich Abfall, wenn diese Innigkeit nicht aus dem Akkumulator des religiösen Urerlebens gespeist ist. Gegen diesen Abfall im Glauben predigten die Propheten das „haschiwenu", die Rückkehr zu Gott, die Erneuerung der Tage, gegen ihn das erschütternde „kekedem", das schon unsere Vorfahren als die Zeit des ersten Menschen deuteten und das doch nichts anderes heißt, als die Rückkehr in jenen Zustand, da wir von allen Praktiken der Gewohnheit und Gesellschaft befreit, nur als Menschen dem Unendlichen gegenüberstehen. Immer wieder macht die jüdische Orthodoxie, so widerspruchsvoll das zu ihrer Bezeichnung klingt, Bewegungen durch, die sie vor dem Abfall im Glauben schützen sollen. Von Maimonides bis Samson Raphael Hirsch zieht sich eine Reihe orthodoxer Reformer, welche den europäischen Vernunftergebnissen nur mit der Prüfung ihres innersten Glaubensgrundes und seines Zusammenhanges mit dem traditionellen Gebäude begegnen konnten. Aber es gibt auch orthodoxe Erneuerungen, die nicht erst logischer Anlässe bedurften, sondern in innerem Erschauern den drohenden Abfall im Glauben von sich schüttelten, so der Chassidismus. Und es scheint, als ob nun zum erstenmal der Zionismus die Aufgabe hätte, wiewohl von außen anpochend, die tiefsten — nicht lehrhaften, sondern religiösen — Gründe der Orthodoxie aufzuregen. Kein Zweifel, die Orthodoxie in Deutschland konnte es dem Zionismus lange nicht vergessen, daß die mächtigste Bewegung, welche die Rückkehr zu jüdischem Leben forderte, außerhalb ihres Kreises entstanden war. Aber die Zeit anmaßenden Vorwurfes ist vorüber. Zwei Schriften I.Breuers bezeichnen einen ernsten Anfang. Und wiewohl sie sich heute noch aus Zionismus gegen den Zionismus wenden, so ist doch die Wandlung dieser radikalsten Seite der Orthodoxie gegenüber der Form eines S. R. Hirsch, aus der sie geradlinig stammt, sinnfällig. Wahrlich, mehr als Parteipolitik muß dem Zionismus jene Erschütterung der Seelen bedeuten, welche auch die Widerstrebenden zur Selbstprüfung und Selbstklärung emporreißt.