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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 11 · p. 534

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 11
Article
Entgegnung
Date
1918-01-01
Page
534 (sequence 6)
Language
German
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534 Arnold Zweig: Entgegnung Einfalls, Wir wenden uns nicht an die Westjuden, die sich ihrer europäischjüdischen Mission bewußt sind, sondern an das jüdische Volk in seiner Ganzheit, mit der natürlichen Grundlage der Physis, aus der das Psychisch-Ethische erwächst. Wir halten dafür, daß Rudolf Kaysers Gedanken, auf halbem Wege innehaltend, nur darum den Neuen Bund erfanden, weil er das alte Volk nicht bejahen will oder kann. Die Aufgaben, die er dem Neuen Bunde zuweist, sird die Aufgaben des jüdischen Volkes in seiner neuen Heimat; die Rückwirkung, die er dem jüdisch-palästinensischen Gemeinwesen zubilligt — er nennt es klug den Judenstaat, weil er sich ihm damit leichter zu entziehen vermeint — nämlich „die Bedeutung einer sichtbaren Substanz, eines auch zu den entferntesten Brüdern strahlenden Symbols", diese Rückwirkung nennen wir die Wiederbewußtwerdung des jüdischen Geistes im Judenvolk der Diaspora, die wahre Nationalisierung der Judenheit zum Judentum. Er beschreibt diese Nationalisierung sogar so weit, daß er von ihr erhofft, sie werde die Gefahr des Aussterbens verhindern; aber dies kann nur das offene und redliche Bekennen zum Volk der Juden, niemals ein Bund mit lediglich ethisch-politischen Zielen: denn diese Ziele sind den guten Europäern eigen wie uns in Europa, und jüdisch ist nur der Weg, den wir verfolgen, die Art unserer Hingabe. Ohne die Heilighaltung des Blutes ist die Konsequenz des Europäertums erbarmungslos das Mischvolk; es gibt kein einziges Argument, das davon losspräche. Ist Kayser nicht eigentlich ein Nationaljude? in dem Sinne nämlich, wie die jüdische Kongreßbewegung in Deutschland ihn versteht? Mir scheint, daß es vor dieser Entscheidung auf die Dauer keine Rettung für ihn gibt. Sehr wohl nämlich besteht ein nationales, nämlich seiner selbst bewußtes, sich selbst bejahendes Judentum, das jüdischen Geist in Europa verwirklichen, leben, bezeugen möchte; das an den wundervollen Aufgaben der europäischen Neugestaltung mit der ganzen Inbrunst des Juden arbeiten will und darf, und das sich gegen das Verschwinden in den Mitvölkern wehrt; das mit Liebe und leidenschaftlicher Bindung an den Vaterländern hängt und seine schaffende Kraft ihnen zukommen lassen möchte. Zwischen der Gemeinschaft mit dem Judentum und der Verbundenheit zu europäischer Wirkung klafft kein Widerspruch. Und ist das Programm, das Kayser aufstellt, nicht bis ins Einzelne das der Jüdisch-Nationalen Bewegung? Geht er nicht bis zu Heimen und Siedelungen mit? Ist der jüdische Kongreß in Deutschland, der die zum Selbstbekenntnis entschlossenen deutschen Juden vereinigen wird, nicht schon der breite Anfang von Kaysers Neuem Bund? Aber all das besteht, und Rudolf Kayser ist ein nationaler Jude, der die zionistische Konsequenz für sich und alle die ablehnt, die seinesgleichen sind; und wir freuen uns dessen und freuen uns um so reiner, als das aktivistische, nämlich rationalistisch-aufgeregte Dixhuitieme gegen Ende seiner Ausführungen nur noch in einigen seiner Maßnahmen und Vorschlägen herauskommt; nämlich bei der Bekämpfung des Antisemitismus durch Aufklärung. Diese Aufklärung wird nichts schaden; hilft sie, so soll man mich von nun an Hans heißen. Und was die gleichfalls aktivistische Furcht vor den Bezeichnungen „Volk" und „Nation" anlangt, diese echt großstädtisch-literatischrationalistische Angst vor den Gebundenheiten des Geistes an Volkstum, Blut und gemeinsamen Stamm: so glaube ich, daß ein Rudolf Kayser, der die jüdische Aufgabe in Europa so scharf erkennt, benennt und propagiert, eines Tages auch vor ihnen, den verpönten, nicht mehr zurückweichen wird. Denn lächerlich ist

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