Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Entgegnung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 535 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Abraham Suhl: Gerechtigkeit und Liebe 535 der Rassenfanatismus und der elende nationalistische Überhebungswahnerdgegeben aber und gottgegeben ist jener heilige Kreis der Träger aller geistigen Werte: die Menschheit, das Volk, der Stamm, die Familie, der Mensch. 7- _ Der Neue Bund wird nicht geschlossen werden, weil er schon besteht. Er heißt: das Erwachen des jüdischen Volkes auf der ganzen Erde. Und wenn Rudolf Kayser auch nicht zugibt, daß er seine wahre Vollendung in jener palästinensischen Heimat haben wird, die uns so unendlich viel mehr ist als ein purer „Akt politischer Hygiene", daß sie die Verwirklichung und „strahlende Kuppel des Geistes" sein soll, in der der Jude alle seine bauenden Kräfte rein soll entfalten können; so wollen wir ihm doch weniger gram sein, als es uns anfangs schien, daß wir es, um der Sache willen, sein müßten. Denn schließlich ist er guten Willens — und auch wir wollen uns die Worte des Engels der H-moll- Messe zu eigen machen: Hosianna in excelsis et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Schlachtensee Arnold Zweig GERECHTIGKEIT UND LIEBE Mein lieber väterlicher Freund! Vieles hat sich bestätigt, was Du zu mir sprachst, und vor allem, was Du davon sprachst, daß es sich bestätigen würde. Wenn meine Jugend deine Weisheit nicht hören wollte, hast Du nicht gezweifelt und hast gewußt, jetzt nicht, aber bald würde ich es verstehen; ach, daß man doch im tiefsten für niemanden gedacht und erfahren haben kann, er denke und erfahre denn selber! Und seit das Unglück uns getrennt hat und ich lebe und erfahre und mich oft umschaue nach Dir um Rat, um Hilfe, um ein warmes Wort, das Mut gibt, da komme ich gar manches Mal auf Dinge und sehe: das hast Du mir schon gesagt. Oder richtiger: ich fühle es, ich glaube es, aber ich könnte es nicht beschwören, daß Du mir wirklich das gesagt hast. Denn das, bei Gott, das hätte ich verstanden. Du sagtest etwas Anderes, für meine Ohren Anderes, und erst jetzt werde ich Dich so verstehen. Das ist einmal so. Gebot erst heute ein Gott am Sinai: Du sollst nicht töten? Haben erst heute Mütter um ihre erschlagenen Söhne geweint? War all der namenlose Jammer noch keinmal auf der Welt? Schon vielemal, sagst Du? Und wir wußten nichts davon? Wußten! Und ließen es nochmals geschehen! 0, ich glaube, die ganze Welt war jung und verstand nicht, was sie mit den Ohren hörte, was sie mit dem eigenen Munde sprach. Das ist einmal so. Und ich denke und erinnere mich, und ich glaube vieles zu verstehen, was Du nur andeutetest. Und ich sehe Dein Leben vor mir, und es scheint mir, als sei es ein Bild eines großen Streites, eines Kampfes zwischen jenen zwei Prinzipien, von denen Du einmal andeutungsweise sprachst, daß sie beide aus demselben jüdischen Geiste entsprossen, und sagtest dabei etwas von gegenseitiger Bedingtheit im Leben, von aufrecht erhaltender Elastizität — ich meine: Gerechtigkeit und Liebe.