Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Entgegnung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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532 Arnold Zweig: Instinkte leben und alle seine Kraft an die pure Überwindung des Strudels setzen muß, ohne zu sich selbst und in eigener Richtung vorankommen zu können. Aber weil hier Konsequenzen gezogen werden müßten, die die Existenz der Schreibenden aufhöben, weil Umschau gehalten und Entscheidung aufgerufen werden müßte, darum ruft sich Kayser diese merkwürdig beredte Mahnung zu, und er ergänzt sie: „es bedeutet nur_ die Unmöglichkeit der Staatsschöpfung der eigenen Nation". Dies gegen uns Zionisten gerichtete Wort, dessen letzte Konsequenz gedacht, aber nicht ausgesprochen wird, müßte den Erkennenden eigentlich zur Fortsetzung zwingen: „Aber er bedeutet nicht die Unmöglichkeit der eigenen Nation, eine eigene Gemeinschaft, eine neue Form des Zusammenlebens natürlich und richtungsgemäß verbundener Juden zu schaffen". Statt dieser natürlich und logisch sich einstellenden Konsequenz setzt Kayser, nach einem bedeutsamen Atemholen, folgende Variante, die gewissermaßen der Bindestrich zwischen seinen letzten und meinem hier vorgeschlagenen Gedanken ist: „Die Genossenschaft der Juden, die praktische Durchführung und Betätigung ihrer geistigen Gemeinschaft, ist daher nicht der Staat, sondern ein Drittes und Fremdartiges, zu dem uns im modernen Europa die Analogien fehlen". Unsere palästinensischen Siedelungspläne, denkt der Zionist, enthalten dieses Dritte, Fremdartige; und er freut sich der Konsequenz von Gedanken, denen selbst Kayser nichts abstreichen kann. Aber plötzlich werden, anstatt der logischen Geradheit, die äußerst durchschaubaren Haken geschlagen: der moderne, wirtschaftlich-technische Hochstaat wird plötzlich als unentbehrlich zugegeben! „Ohne seine heutige Unentbehrlichkeit zu leugnen ..." — dies sagt ein Jude, ein denkender Jude, der zu jüdischen Sachen das Wort nimmt, und dann beginnt er eine schmelzende Kantilene zu singen: „Die Genossenschaft öffnet sich dem Leben und fühlt doch ihr Herz", und so weiter. Aber Gesang ist nicht Gedanke. Der Gedanke ruht, und wir hören jenem zu und zucken nur unwillig zusammen, wenn Rambam und der Talmud in die modern aktivistische Arie eingeflochten und das Hillersche Paradies — schlechtes achtzehntes Jahrhundert neu gefirnist und gerahmt — mit dem großen und geheimnisvollen Kommen des messianischen Reiches identifiziert wird — welches in der Seele kommend und in ihr vorbereitet, nur durch ihre einsame Läuterung und die Lauterkeit des Menschen zu seinem Nebenmenschen herangezwungen werden kann. 5- Zögern wir noch ein Atemholen lang, uns mit dem Kern des Kayserschen Vortrags zu beschäftigen. Was er vorträgt, ist die moderne Fassung eines alten Gesanges: der Jude mit der Mission betraut, „selbst staatenlos" (soirs nicht klarer heißen: heimatlos?) „die Erde zur Menschenheimat zu machen." Sehr schön; sollte er nicht bei sich selbst anfangen? Ist nicht wirklich vor dem Anderen der Nächste jeder sich selber? Kann's nicht am eigenen Volksleibe erprobt werden, was man anderen Völkern zufügen will? Aber „das uns nächste aller menschlichen Objekte heißt: Europa". Wir irrten also, wenn wir dachten, es heiße „jüdisches Volk". Und seit wann ist die Kraft der Juden „eine literarisch beginnende Kraft", die es „zu erhalten, zu erneuern und zu verbreiten" gilt (zu verbreiten . .?) Waren die Juden wirklich ein Volk der Literatur, als sie „das Volk der Lehre" waren — oder hörten sie nicht auf, als sie jenes wurden, dieses zu sein — nämlich Volk der lebendigen Lehre, die erst gelebt wird und