Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der neue Bund
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 526 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Kayser: die Natur, das kausal-mechanische Denken, dem der Mensch hilflos verfällt, wenn er durch keinen höheren Rechtsgrund als den Nutzen der Erde gebietet. Ein Europa ohne die Religiosität des Orients ist wohl lebensfähig, aber es ist nur eigengesetzliche Natur, leerer Betrieb, Vitalität; die orientalische Religiosität, ohne Beziehung zum Dasein und den Ereignissen der Erde, lebt heute nur noch in ohnmächtigen asiatischen Völkern: in der unproduktiven Nur-Innerlichkeit und Weitabgewandtheit Indiens und Chinas, die Mauern um jedes Ich errichten, anstatt die gedrückte Welt zu befreien. Daß der Jude Jesus am Kreuze starb, kam daher, daß Europa ihn noch nicht hörte, das nach seinen Geboten doch so sehr verlangte. Da heute der Jude der einzige Orientale ist, der bei all seiner religiösen Gemeinschaft nicht im Mönchtum erstarrt, sondern nach tätigem Leben verlangt, ist er die natürliche Brücke zwischen Ost und West, die sich gegenseitig als Geist und Stoff, Ziel und Bewegung bedingen. Das also ist die Mission der Juden: selbst staatenlos die Erde zur Menschenheimat zu machen, durch Ethos die Menschenbrüder zu erlösen. Daß diese Aufgabe im Christentum nicht gelang, ist augenscheinlich; es erstarrte zu Kirchen und ward das willenlose Werkzeug der Staaten: denn niemals gab es christliche Staaten, sondern nur staatliche Christen. Das Christentum, einst glühende Flamme des jüdischen Orients in das ethoslose Europa, verlor sein Wesen: die Gemeinschaft und ihre Liebe; der Aufruf ward zur Predigt, die Passion Christi zur oratorischen Legende, die Ethik zu einer bürgerlich-verbitterten Moral. So sehr die Juden oft sanken, so klein unter ihnen (wie in jeder Masse) die Zahl wahrhaft Adliger auch sein mag: die Gemeinschaft ward nie mißbraucht, die Lehre nie unheiligem Nutzen versklavt. Die jüdische Religiosität besteht ja nicht in unkontrollierbaren einzelnen Wohltaten, sondern in der Gesamtheit des Lebenswerks; die jüdische Gemeinschaft kristallisiert um die Thora, d. i. die Lehre. Die Lehre aber will befolgt, in ihrer Gesamtheit verwirklicht werden. Vielleicht ist das der wesentliche, so oft verwischte Unterschied zwischen Juden- und Christentum: daß das Christentum (je nach seinen Bekenntnissen und Richtungen) das Hauptgewicht auf die einzelnen Guttaten oder die Inbrunst des Gefühls legt, das Judentum aber auf die den Geboten der Lehre nacheifernden Werke. Deshalb wurden die Juden „ein Volk der Literatur"; denn sie folgten den Büchern, dem ewig sich erneuernden Geist, auch wenn er in fremden Sprachen redete. Diese literarisch beginnende Kraft der Juden gilt es zu erhalten, zu erneuern und zu verbreiten. In ihr steckt nicht nur Vergangenheit und Zukunft der Juden, sondern ihr besonderes Recht in der irdischen Ökonomie. Sie ist mehr als ein nationales Merkmal wie Sprache oder Körperbau. Sie ist kein toter Besitz, sondern lebendige Bewegung: der Gemeinschaft der Propheten entstiegen •und auf die weitere, herzlichere Gemeinschaft des Volks und der Menschheit -zielend. Daß diese Kraft, frei entfaltet, Ethos und starke Gläubigkeit, noch mehr erreichen kann als die seelische Läuterung ihrer Bekenner, ist sicher. „Jede aktive Kraft bringt mehr als eine Veränderung hervor, jede Ursache mehr als eine Wirkung** (Spencer). Sie gilt es also allen menschlichen Objekten gegenüber zu entfalten; das uns nächste aber heißt: Europa. Durch dieses Objekt wird die (ruhende und innerliche) Gemeinschaft zur (tätigen) Genossenschaft. Da ihre Organisation nicht die des Staats sein kann und darf, ist es die losere in der Gesellschaft: