Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der neue Bund
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 525 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der neue Bund 525 schaft ist das Judentum nicht mehr Besitz, Artung und Kultus, sondern (gemeinschaftliche) Kraft, die auf die Erde sich stürzt, den Blick aber auf Gott gerichtet. Es ist nicht länger Geschichte, sondern Gegenwart; nicht verschlagener Orient, sondern eurasiatische Mitte. Die jüdische Genossenschaft wählt weder den Mythos noch den ihr wesensfremden Staat, sondern: das Leben. Sie schließt sich nicht vor ihm ab und in ihm ein, sondern läßt es einströmen in alle seine Glieder. Sie fühlt sich allem Menschlichen verbunden, da ihr Messiasglaube Juden und Menschheit meint. Sie beginnt ihr Werk aber in den Vaterländern, deren Sprache sie spricht und deren Schicksale sie erleidet. Sie meidet nicht die politischen Probleme, sondern geht mitten in sie hinein, um die Menschheit von ihnen zu erlösen. Nicht nur Maimonides, sondern auch der Talmud lehrt, daß dem Paradies des Messias die Hölle der Politik vorangehen muß. Bereschith rabba c. 2: „Der Geist des Messias wird wehen am Ende des römischen Reiches..."; Sanhedrin 98a: „Die ungerechten Richter, die stolzen Geister, das tyrannische Regiment muß weg sein, ehe die Erlösung kommt." Die Zwecke der jüdischen Genossenschaft sind also politische, um die Zeit des Messias vorzubereiten. Ein ähnliches Bild bieten etwa die hussitischen Taboriten im 15. Jahrhundert, die auch jeder Staatsgründung fern, aus religiöser Inbrunst politische Forderungen stellten. Es gilt, die Welt des Nutzens und Hasses zu ethisieren zum Reich messianischer Liebe. Ist es aber erlaubt, daß diese europäische Aufgabe die zerstreute jüdische Nation übernimmt? Kann sie überhaupt Anspruch darauf erheben, in Europa als gleichberechtigt zu gelten? Hierauf antwortete schon Th. B. Macaulay vor hundert Jahren: „Die Unterscheidungsmerkmale zwischen Christen- und Judentum verdienen große Berücksichtigung bei — der Beurteilung der Fähigkeit eines Mannes zum Bischöfe oder Rabbiner." Aber: kann aus der jüdischen Gemeinschaft politische Gesinnung erstehen und sich genossenschaftlich betätigen in christlichen Staaten? Aber diese christlichen Staaten sollen ja erst geschaffen werden; trotz Landeskirchen, konfessioneller Schulen, Ultramontanismus... gibt es sie nicht; sie sind das jüdische Vorziel. Zu einer europäischen Mission besitzen die Juden alle natürlichen Voraussetzungen. Ihre Artung und Gemeinschaft, ihr ethischer Orientalismus, vertragen sich durchaus mit einer praktisch-modernen Lebensführung, wie die letzten hundert Jahre es beweisen. Die Subjektivität ihrer religiösen Leidenschaft beschwingt ihr sachlich-materielles Tun und raubt damit der Arbeit die Tyrannei des eigenen Mechanismus. So gilt es, sich einzusetzen für Dinge, die nottun, die vorwärts führen in eine edlere Lage. Auf sie weist das Geheimnis der jüdischen Gemeinschaft, der ethische Furor der Religiosität; wenn aber dem Juden die Objekte fehlen, ein böses Schicksal ihm die Betätigung seiner Gemeinschaftskräfte verbietet, dann richten sie sich gegen ihn selbst und zeitigen jenen Verfallstypus, der, seiner Mission verloren, seine Hilflosigkeit dem eigenen Gelächter ausliefert. So öffnet sich das jüdische Subjekt dem gegenwärtigen Leben. Europa, das seine Religion erst aus dem Orient bezog, muß das natürliche Objekt jener Geistigkeit werden, deren Potenz der Staat ist, den aber das Judentum nicht zu schaffen vermag. Jude und Europäer ergänzen sich wie Ost und West; bei jenem der religiöse Geist, die Gemeinschaft, die aus ihrem Schoß kein Objekt gebiert, ohne es aber Isolation und Sterben ist; bei diesem das Leben, 38*