Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der neue Bund
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 524 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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524 Rudolf Kayser: Schaft sein, nie aber ihr Subjekt, Kein Staat, mag er auch noch so fortgeschritten sein, kann die Verwirklichung der Nation bedeuten. Es ist keine staatsfernere Gemeinschaft denkbar als die religiös-ethische der Juden; denn sie verbietet entschieden das Machtverhältnis. Ihr folgend, versuchte der alt-israelitische Staat ohne ein solches auszukommen. Denn das ist ja der Sinn der „Theokratie": daß allein das göttliche Gesetz herrsche und der König, ohne wesentliche Entschlüsse, nur das Organ Gottes sei. Dieser Idee aber widersetzte sich die empirische Wirklichkeit; so fehlte den jüdischen Staatsgründungen, da sie das Subjekt ihrer Gemeinschaft bleiben wollten, von vornherein politische Substanz. Die soziale Ethik der Juden und der gemeinschaftliche Bund mit Gott streben nach einer Wirklichkeit reinen und ungehinderten Mitmenschentums. Alle politischen Unternehmungen jüdischer Prägung scheiterten an dieser Staatsfremdheit der eigenen Gemeinschaft. Es ist sehr bezeichnend, daß alle politischen Ideen der Juden vom Gemeinschaftserlebnis nicht loskommen. Die Organisationen, die sie postulieren, sind außenstaatliche, echte Genossenschaften. Otto Weininger (Geschlecht und Charakter XIII. Kap.) sieht hierin einen Zug zur Konformität, das Fehlen an Individualität der Juden. Das ist ein Irrtum*). Denn die Antinomie lautet ja nicht Individualismus—Universalismus, sondern Gemeinschaft—Staat, deren Unterscheidungsmerkmal das Fehlen bzw. Vorhandensein des Machtverhältnisses ist. Eine Gemeinschaft ohne staatliche Tendenz beweist die starke Religiosität ihrer Mitglieder: die die Macht allein der göttlichen Idee zubilligt; für die Frage nach dem Individualitäts-Bewußtsein ist sie völlig belanglos. Richtig aber ist es, wenn Weininger die Anhängerschaft vieler Juden an den Kommunismus durch die Tendenz zur Gemeinschaft erklärt. Der Marxismus ist ja gar nicht Sozialismus („Bestrebung zu gesellschaftlicher Kooperation und zur Anerkennung der Menschheit in jedem Gliede derselben"), sondern Kommunismus und den staatlichen Problemen recht fern. Der Staatsgedanke ist unjüdisch; das schließt natürlich nicht aus, daß das Judentum in den modernen europäischen Staaten seine wichtigsten Aufgaben suchen muß; es bedeutet nur die Unmöglichkeit der Staatsschöpfung der eigenen Nation. Die Genossenschaft der Juden, die praktische Durchführung und Betätigung ihrer geistigen Gemeinschaft, ist*~daher nicht der Staat, sondern ein Drittes und Fremdartiges, zu dem uns im modernen Europa die Analogien fehlen. In dieser Genossenschaft liegt das Neuartige und Einsame des Nach-Ghetto- Juden, sein Schmerz und seine Mission. Seine Geistigkeit ist noch nicht von den Vorstellungen des wirtschaftlich-technischen Hochstaats völlig absorbiert. Ohne seine heutige Unentbehrlichkeit zu leugnen, werden auch dem Staat ethische Forderungen gesteint, die nicht seinem eigenen Machtbereich entstammen. Die Genossenschaft öffnet sich dem Leben und fühlt doch ihr Herz. Sie sieht eine soziale Wirklichkeit, die sie nicht erschuf, in der sie aber a priori wohnt wie in Zeit und Raum; in ihr gilt es, Aufgaben zu suchen, die Gemeinschaft an ihr Ziel, die Mission an ihr Objekt zu führen. In dieser jüdischen Genossen- *) Wenn dieser geniale jüdische Denker über das Judentum so falsche Ergebnisse fand, so hat Schuld daran seine psychologische Methode, die soziologischen Problemen gegenüber völlig unzureichend ist