Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 11 · p. 522

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 11
Article
Ostjüdische Proletarier in Deutschland
Date
1918-01-01
Page
522 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101148-3104028--2926-3104073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

522 Max Eschelbacher: Ostjüdische Proletarier in Deutschland wurde in den Dienst der Lesehalle gestellt, und die Überschüsse aus den Aufführungen wurden zur Begründung einer hebräischen Bibliothek verwendet. Gekauft wurde vor allem die neuere Belletristik, so Mendele Mocher Sforim und Scholem Aleichem, aber auch wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Werke, z. B. eine hebräische Bearbeitung der Geschichte der Juden von Grätz und eine Weltgeschichte in hebräischer Sprache. Die ganze Einrichtung mußte jedem einen tiefen Respekt vor diesen Proletariern einflößen, die nicht trinken und nicht verkommen, sondern in einem fremden Lande gleich Zeit und Raum finden für ein ernsthaftes Leben im Geiste. So vieles uns sonst trennen mochte, hier, in der Lesehalle, fanden wir uns und erkannten uns als Kinder vom gleichen Stamm. Aber ein großer Wunsch bleibt noch übrig. Dieses reiche geistige Leben, diese große und noch unverbrauchte Kraft sollte mehr dem Judentum und dem jüdischen Leben zugute kommen, und diese Hingabe an die proletarische Idee, diese Begeisterung für die sozialistische Lehre sollten sich mit mehr Liebe zum Judentum und vor allen, Dingen mit mehr Ehrfurcht vor ihm verbinden. Ihr größter Wunsch war die Rückkehr nach Hause, aber darauf warteten sie lange vergebens. Wer Glück hatte, bekam einen Urlaub, und auch dieser wurde nur gewährt, wenn eine Kaution von 150 Mark hinterlegt wurde. Wer nicht freiwillig wiederkam, -wurde im Wege des Schubs zurückgebracht, die Kaution aber verfiel nicht, sondern wurde dazu verwendet, die Kosten des zwangsweisen Rücktransports zu decken. Aber schließlich durften auch sie heimkehren. Als der Friede von Brest-Litowsk geschlossen war, sandte, Ende April 1918, der Botschafter Joffe durch Anzeige in den Tagesblättern allen kriegs- und zivilgefangenen russischen Bürgern seinen Gruß und kündigte ihnen an, daß er alle Maßregeln treffe, um ihre Lage zu verbessern und ihre Rückkehr in die Heimat zu beschleunigen. Die großen Hoffnungen, die er damit erregte, blieben freilich zunächst unerfüllt. Erst der große Umschwung in der Kriegslage brachte auch in ihrem Geschick eine Wendung, und im Laufe des September, des Oktober und des November 1918 sind sie wohl alle wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Nur ausnahmsweise ist der eine oder der andere hier zurückgeblieben. Ihre Anwesenheit in Deutschland war nur eine Episode. Aber diese kann sich wiederholen. Jetzt schon flüchten aus Angst vor den Pogromen ganze Familien aus Polen und Galizien zu uns, und das deutsche Judentum wird wohl bald vor ernsten Aufgaben stehen. Wenn es sie lösen will, muß es die Menschen kennen lernen. Die Beobachtungen, die auf diesen Blättern mitgeteilt wurden, dürfen nur mit großer Vorsicht verallgemeinert werden. Sie sind nur an einem Bruchteil des russischen Judentums gewonnen worden, nur an Menschen aus dem Industriegebiet, an Proletariern und Sozialisten. Wie junge Juden aus der Ukraine, aus Litauen, aus Kurland, aus Dörfern und kleinen Städten in gleicher Lage ihr Leben einrichten wurden, weiß ich nicht. Die Arbeiter aus den großen Städten, die drei Jahre lang bei uns eingestellt gewesen sind, erweckten eine rückhaltlose Bewunderung vor dieser unerschöpflichen geistigen Kraft, vor dieser Lebenstüchtigkeit und auch vor der sittlichen Energie, die sich in ihrer Anhänglichkeit an Eltern und Geschwister vor allen äußerte. Aber sie riefen auch schmerzliche Eindrücke hervor. Kostbare jüdische Werte gehen bei ihnen rasch zugrunde, und eine sorgsame und ausgedehnte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.