Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Ostjüdische Proletarier in Deutschland
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 521 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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__Ostjüdische Proletarier in Deutschland ~~*~ ~~ "--—-—-—-____521 Welt hineingeführt. Im wesentlichen aber haben sie untereinander verkehrt und sich das Leben verschönt durch Kunst und Lektüre, durch ihr Theater und ihre Lesehalle. IV. Denn eine Kunst stand bei ihnen in Blüte: die dramatische. Kaum waren die ersten hier angekommen, da erschien auch schon ein Mann, den sie nicht entbehren können, da stellte sich auch schon der erste Schauspieler mit seinen Requisiten ein. Er hatte in ganz Rußland schon gemimt und schulte nun die Dilettanten für die Aufführungen, mit denen sie sich bald auf der Bühne präsentierten. Der Talmid Chochem oder die Hochzeit per Spaß, Mendel Beiliß, Herzele der Stolze, der Churban Jeruscholajim und ähnliche Stücke wurden gespielt. Zuerst fanden die Vorstellungen im Volkshaus statt, dem Heim der sozialdemokratischen Vereine, nachher mieteten sie den Saal eines angesehenen bürgerlichen Vereins. Die Stücke waren meist rührselige Melodramen, aber unverkennbar war doch die Tendenz, die starke Abneigung gegen die Jeschibah, gegen den Talmud. Gerne wurden Väter und Söhne einander gegenübergestellt. In Tönen, die das Herz ergreifen, fleht der Sohn: Tut mich weg vun der Gemore un vun der Jeschiwe. Dem Vater bricht das fast das Herz, und schließlich läßt er auch den Sohn zu dem Glück und zu der Freiheit ziehen, wonach er sich sehnt. Niemals fehlte dabei die lustige Person, besonders beliebt war der ewig betrunkene Schadehen. Aber auch ein bösartiger und trauriger Humor fehlte nicht. In einem Stück wurde ein Couplet eingeschoben voll frecher, schmutziger Zoten, aber mit dem Refrain ,Jisgaddal wejiskaddasch", der mit ungeheurem Jubel von den Hunderten von Zuhörern mitgesungen wurde. Ein trauriges Schauspiel, diese hochintelligenten Menschen voller Energie und mit vielen guten Gaben des Herzens, aber ohne Ehrfurcht! Im übrigen aber verliefen die Aufführungen heiter, unter großer Spannung und stürmischem Beifall, und doch war auch hier die furchtbare Not für jeden sichtbar, der nur hinsehen wollte. Da trug ein Schauspieler, der im übrigen sehr flott spielte, den Arm in der Binde und bewegte sich deshalb linkisch und ungeschickt Wenige Tage vorher hatte er bei der Arbeit den Finger eingebüßt. Eine Arbeiterin, die ganz reizend die schnippische und hochnäsige Zofe in einem vornehmen Hause gespielt hatte, wurde tags darauf ins Gefängnis geholt, weil sie unbefugt ihre Arbeit verlassen hatte. Neben dem Theater, das etwa alle Monate im Winter eine Aufführung veranstaltete, stand als eigentlicher Mittelpunkt des Kreises die von ihnen begründete Lesehalle. Hier zeigten sich auch die großen positiven jüdischen Triebe und Empfindungen, die trotz Sozialismus, Assimilation und Gegnerschaft gegen die Religion in ihnen lebten und nach Ausdruck verlangten. Zuerst wollten sie einen Perezverein gründen, aber die Polizei vermutete darin einen verkappten sozialistischen Debattierklub und verbot ihn. Dafür wurde aber die Gründung der Lesehalle gestattet, weil'man darin ein gutes Mittel vermutete, die Leute von der Straße festzuhalten und ihnen etwas Gemütlichkeit zu verschaffen. Das ist auch gelungen. Die Lesehalle wurde mit großem Geschick eingerichtet. Zuerst mieteten sie ein Zimmer in einem Gasthaus und nachher ein ganzes Haus. In mehreren Räumen lagen dort alle hebräischen und jiddischen Zeitungen und Zeitschriften aus, die man unter den gegebenen Verhältnissen,.bei der gestörten Verbindung mit dem Osten, erreichen konnte. Auch das lneater