Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Ostjüdische Proletarier in Deutschland
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 520 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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520 Max Eschelbacher: sie bemüht haben. Als einmal jüdische Arbeiter ihren schwerkranken Kameraden im Krankenhaus besuchen wollten und nun den eben Verstorbenen mit dem Kreuz auf der Brust antrafen, war nicht mehr zu ermitteln, ob der Sterbende mit oder ohne seinen Willen getauft worden war. Begreiflich ist unter diesen Umständen ihr außerordentlicher Drang nach radikaler Assimilation. Sie haben die Krisis noch vor sich, die das deutsche Judentum bereits überstanden hat. Es ist durch eine Emanzipationszeit von 150 Jahren hindurch gegangen und hat in dieser Epoche an innerer Festigkeit und an jüdischen Werten viel verloren. Aber was es sich erhalten hat, das besitzt es nun auch mit einer gewissen Sicherheit. Nach langem Siechtum scheint es gegen weitere Erkrankung einigermaßen immun geworden zu sein. Auf diese sozialistischen Proletarier aus dem polnischen Industriegebiet aber wirkt die neue Kultur noch mit ihrem ganzen Reiz und mit ihrem vollen Zauber. Äußerlich und innerlich gleichen sie sich ihr nach Möglichkeit radikal an, in ihrem Anzug, wie in ihrem innersten Denken. Die Kleidung der Wohlhabenderen haben wir schon geschildert, sie unterscheiden sich in nichts von jungen Leuten irgendwelcher Nationalität. Wo sie mit der Außenwelt in Berührung traten, änderten sie sofort ihre Vornamen. Dann verwandelte sich der bisherige Awrohom in einen Alfred und Pinchas in einen Paul. Aber bezeichnenderweise nur bei denen, die in der Stadt wohnten, nicht bei denen, die von der Welt abgeschieden waren. 65 Mann lebten in einem großen Werk der Umgebung kaserniert und ohne Berührung mit der Welt. Bei ihnen fand man auch nach dreijährigem Aufenthalt nur die alten jüdischen Vornamen. Die andern aber blieben nicht bei dieser äußerlichen Mimicry, sondern erarbeiteten sich mit einem erstaunlichen Fleiß rasch jene Vertrautheit mit dem Lande und seinem Geist, die im natürlichen Verlauf der Dinge erst das Ergebnis eines langen Aufenthalts sein kann. Einige nahmen deutschen Unterricht und sprachen bald ein tadelloses Deutsch ohne Dialekt. Andere besuchten in den akademischen Kursen Semester hindurch die Vorlesungen über Landeskunde der Rheinlande und wußten nun besser als viele Eingeborene Bescheid über rheinische Städte, Dichter und Humoristen. Rasch gaben sie die eigene Art auf, und noch rascher lebten sie sich in eine fremde ein. Diese Gabe ist bewunderungswürdig und eine mächtige Waffe im Kampfe ums Dasein, und trotzdem konnte der nachdenkliche Beschauer ihrer nicht recht froh werden. Denn diese Virtuosität bedeutet auch eine schwere Gefahr für den Charakter und das ursprüngliche Selbst. Das polnische Judentum, mindestens das proletarische, muß erst noch die Lust gewinnen, in der Freiheit zu wachsen, und muß die Kraft sich erwerben, sich selber zu bewahren, nachdem alle äußeren Bindungen gefallen sind, um das eigene Wesen mit dem neuen Dasein zu versöhnen. Hier findet es eine gewaltige Aufgabe der Erziehung und der Selbsterziehung. Verstärkt wurde der Trieb zur fessellosen Assimilation durch die freiwillige Absperrung von dem einheimischen deutschen Judentum. Man wußte hier nur wenig von ihnen, sie selber hatten kein Begehren nach dem Umgang mit den ansässigen jüdischen Familien, sie wurden nur in einzelnen Fällen herangezogen und verkehrten nur selten dort. Eher schon waren sie in den Familien der eingewanderten russischen und galizischen Familien heimisch. Und wie ihre Synagogen, so haben auch diese Familien selbst, wenigstens in manchen Fällen, den russischen Zuzug sanft und ohne allzu schroffen Übergang in eine neue