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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 11 · p. 519

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 11
Article
Ostjüdische Proletarier in Deutschland
Date
1918-01-01
Page
519 (sequence 8)
Language
German
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Ostjüdische Proletarier in Deutschland 519 Gewiß hat es unter ihnen auch fromme Juden gegeben, die nach Möglichkeit auch in der Fremde ihr Leben nach dem alten jüdischen Brauch einrichteten und so oft es nur ging die Synagoge besuchten. Die große Synagoge der Gemeinde haben sie allerdings selten betreten, Chor, Orgel und der mannigfach veränderte Ritus sagten ihnen nicht zu. Dafür fühlten sie sich in den kleineren Betstuben der Russen und Galizier wohl. Hier war der Gottesdienst gerade so, wie bei ihnen zu Hause, und hier trafen sie auch Chassidim. Diese „Stübel" haben also auch hier ihre wichtige Aufgabe erfüllt und manchem Zuwanderer den Übergang von der Heimat zum Westen erleichtert. Aber die Zahl dieser Synagogenbesucher war gering, und die meisten standen dem religiösen Leben fremd gegenüber. Den Rabbiner suchten sie zwar alle Tage auf, aber sie sahen in ihm mehr eine Art von jüdischem Konsul, um nicht zu sagen einen Arbeitervertreter. In ihrer Lesehalle sollte ein tägliches Minjan eingerichtet werden. Der Plan tauchte in ihrer eigenen Mitte auf, scheiterte aber an dem entschiedenen Widerstand der Mehrheit. Ihre Wortführer meinten, es seien „viele Freigeister" da, und wenn man etwas erreichen wolle, möge man es allenfalls mit der Verkündigung national-jüdischer Gedanken versuchen. Religiöse Ideen aber solle man mindestens am Anfang aus dem Spiele lassen. Wenn erst einmal jüdisch-nationales Leben herrsche, könne vielleicht auch die Religion wieder aufblühen, aber anfangen dürfe man mit ihr nicht. Manche erklärten einfach, zu Hause hätten sie gebetet, Vater und Mutter zu Liebe, hier aber täten sie das nicht. Viele betrachteten die ganze alte jüdische Lebensordnung als einen/Stil, der in ihrer Heimat zu Hause war, und den man dort auch pünktlich beobachtete. In der neuen Heimat aber war er nicht mehr landesüblich, und man warf ihn deshalb unbedenklich zur Seite. Wo dann aber die Seele doch eine Lücke spürte, schöpfte sie aus anderen Quellen. Mancher hat sich der Theosophie zugewendet, um nun bei Buddha und Jacob Böhme zu suchen, was er bisher in der Gemara und bei den Chassidim gefunden hatte! Bei alledem war das jüdische Wissen groß und weit umfangreicher, als bei den deutschen Juden. Hebräisch verstand mehr oder weniger jeder. Viele verstanden alles, was man ihnen in hebräischer Sprache bot, die Sidra und die spätere Literatur. Sie vermochten einem Vortrag aus den Messilath Jescharim, dem berühmten Moralbuch des Mose Hajjim Luzatto, zu folgen, und als ich ihnen einmal ein Kapitel aus der jüdischen Geschichte von Jawitz vorlas, wußten sie gleich, wovon die Redewar, und einer sagte erfreut, dieses Buch besitze er selber und er habe es schon ganz gelesen. Aber dem großen jüdischen Wissen entsprach keineswegs die Lebensführung, die man danach hätte erwarten sollen. Ihr Judentum war labil und Einflüssen zugänglich, die für einen deutschen Juden weniger in Betracht kommen. Aus der Taufe hat sich mancher wenig gemacht. Einer drohte einmal, wenn er nicht gleich eine größere Unterstützung erhalte, gehe er zur Mission. Ein anderer, der mich schon oft in allen möglichen Nöten aufgesucht hatte, entpuppte sich eines Tages zum allgemeinen Erstaunen als ein Bekenner der griechisch-katholischen Kirche. Ei' erzaUte ganz gemütlich, er habe sich bereits in Polen taufen lassen, weil jüdische Arbeiter in Deutschland schikaniert würden, es habe aber nichts zu sagen und sei nur äußerlich. Er ging denn auch nach wie vor tapfer in die Synagoge, ein moderner Maranne. Daß andere auch ohne Taufe sich als katholisch oder protestantisch bezeichneten, wurde schon erwähnt. Auch die Mission mag sich um

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