Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Ostjüdische Proletarier in Deutschland
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 518 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Eschelbacher: Kameraden aber hatte er mitgenommen. Von den Mädchen hat eine ganze Anzahl hier außer der Ehe Kinder bekommen. Der Vater hat sie nachher in einigen Fällen geheiratet, meistens aber verlassen, und was noch schlimmer war, dieser Vater hatte manchmal in Rußland selber Weib und Kinder, War dann das Unglück in Polen bekannt geworden, dann kamen verzweifelte Briefe von der betrogenen Frau, die es nicht glauben konnte, daß sich der Vater ihrer Kinder so hatte vergessen können, und ebenso groß war das Entsetzen der jungen Mutter, wenn sich der Geliebte wider alles Erwarten als Gatte und Vater entpuppte. III. Das Verhältnis dieser Arbeiter zum Judentum hängt eng mit ihrer politischen Stellung zusammen und kann uns große Sorgen bereiten. Sie waren zum größten Teil Sozialisten und spalteten sich als solche in zahllose Gruppen, die nur ein gründlicher Kenner des russischen Sozialismus genau unterscheiden könnte. Auch Poale Zion waren darunter, die meisten aber waren Bundisten. Mit der sozialistischen Literatur in hebräischer Sprache waren sie wohlvertraut, Flugschriften und Broschüren zirkulierten bei ihnen, und viele waren auf die „Lebensfragen" abonniert, eine sozialistische Wochenschrift, die in jiddischer Sprache von Wladimir Medem in Warschau herausgegeben wird. Die Lust am Denken, am Lernen und Lesen liegt ihnen eben im Blut. Ein Fabrikant klagte einmal halb ärgerlich und halb anerkennend, es sei nicht leicht, mit ihnen umzugehen, sie seien „zu aufgeklärt". Ihr starkes geistiges Streben muß ihnen auch in der gesamten Arbeiterwelt und Arbeiterbewegung eine besondere Stellung anweisen. Sie kennen ihr Ziel gut und wissen die Mittel, um es durchzusetzen. Energische Agitatoren waren in der ersten Zeit bei ihnen tätig. Bald nach ihrer Ankunft gab es bei einer größeren Kolonie eine unbedeutende Differenz mit der Werkleitung wegen der Unterkunft, wobei der Wortführer der eben erst Angekommenen gleich mit dem Streik drohte. Er wurde energisch zurückgewiesen und damit war die Sache erledigt. Nachher wurden sie von selber ruhiger und meinten, nur in Rußland, nicht aber in Deutschland seien sie Bundisten. Als dann, etwa ein Jahr später, ein „harter" Sozialist bei ihnen auftauchte und einen Streik organisieren wollte, sorgten die gemäßigteren Elemente für seine baldige Abreise. Die Bundisten standen mit dem Judentum in jeder Form in starkem Widerspruch und waren gleichgültig gegen die jüdische Religion wie auch gegen die jüdisch-nationale Idee. Die „Lebensfragen" zeigen das auf jeder Seite. Sie bekämpfen den Zionismus, erörtern aber andere jüdische Fragen überhaupt nicht und sind politisch wie auch in ihrer gesamten Lebensauffassung rein proletarischsozialistisch. Im politischen Teil wird mit Nachdruck betont: „Dos Entwickeln vun der proletarischen Klassenbewußtsein is der Hauptjesod vun der ganzer ideeischer Arbeit." Auffallend und vielsagend sind die Familienanzeigen. Ein Vater kündigt die Geburt seines Kindes an und bezeichnet es von vornherein entschlossen als sein „erstes und einziges". Verschwunden ist der alte fromme Wunsch, daß Gott den Kleinen heranwachsen lassen möge zur Thora, zur Chuppah und zu guten Werken, dafür wünscht der Vater, daß er „erzogen werde zu einem heldischen Kämpfer". Der Tod eines „Chower" wird mitgeteilt, der „an einer proletarischen Krankheit" gestorben sei, und es wird geklagt, er sei „hinweggerissen in die ewige Finsternis".