Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Ostjüdische Proletarier in Deutschland
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 517 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Ostjüdische Proletarier in Deutschland für sie kochte, und lebten deshalb teuer, unbehaglich und ganz anders als sie es zu Hause gewohnt waren. Von koscherem Essen war gar keine Rede. Bei etwas größerer Geschicklichkeit hätten sie viel mehr Genuß vom Leben haben können. Besser waren unter diesen Umständen die Mädchen gestellt, obgleich sie einen viel geringeren Lohn hatten. Auch sie aßen in der Kriegsküche zu Mittag, aber am Abend kochten sie sich selber und richteten sich gleichzeitig das Frühstück für den anderen Tag, nach Feierabend besorgten sie sich die Lebensmittel und am Sonntag hatten sie großen Zimmerputz. Daher war ihr Leben behaglicher und gemütlicher als das ihrer Kameraden. An Geld fehlte es ihnen allen nicht. Die Löhne waren gut und wurden im Lauf der Zeit immer besser. Je nachdem es sich um gelernte Arbeiter handelte, wurden täglich 8—20 Mk. bezahlt, für Sonntagsarbeit und Überstunden trat noch eine Erhöhung von so°/0 ein, und Familienväter bezogen dazu eine Kinderzulage von 12 Mk. monatlich für jedes Kind. Im Akkord waren die Löhne noch höher, und ein Hilfsdreher konnte dann monatlich 400 Mk. verdienen. Doch waren solche gute Zeiten nur vorübergehend. Für sich allein hätte jeder gut auskommen können. Jedoch hatten viele für Weib und Kind zu sorgen und die meisten für Eltern oder Geschwister, und stets kamen aus Polen flehentliche Briefe um Geld, weil man dort Hungers sterbe. Da haben denn auch alle im reichsten Maße von ihrem Verdienst abgegeben. Ihr Stolz waren die Posteinzahlungsscheine, die sie immer bei sich trugen; da konnte man sehen, wie viele Zwanzig- und Fünfzigmarkscheine den Weg nach Polen gefunden haben. Natürlich lebten nun recht viele trotz des guten Lohnes in drückender Not. Ihre Versammlungen boten ein ergreifendes Bild. Da saßen junge Leute, elegant gekleidet, mit neuen Anzügen, feiner Kravatte und prächtiger Vorstecknadel, das Spazierstöckchen mit vergoldetem Griff in der Hand, nicht zu unterscheiden von einem deutschen Dandy. Daneben aber drängte sich die große Menge, armselig, zerlumpt und abgerissen, bedeckt mit zusammengeflickten Lappen und einer alten russischen Mütze. Die einen waren die Alleinstehenden, die sonst für niemanden zu sorgen hatten, und sich das Leben angenehm machten, die anderen aber die Familienväter, die guten Söhne und Brüder, die gerade so viel Lohn hatten, wie jene ersten, aber für ihre Angehörigen zu Hause aufs äußerste sparten. Im großen und ganzen waren sie einander auch gute Kameraden. Wer ins Krankenhaus kam, war nicht verlassen, er bekam reichlich Besuch und wurde nicht vergessen. Wenn gar einer starb, wurde er von einem großen Gefolge trauernder Kameraden zu Grabe geleitet und hatte dann mehr Ehre, als mancher eingesessene Bürger. Mittellos Verstorbenen haben sie aus eigener Kraft die Mazebah gespendet, die sich nun durch ihre charakteristische Form von den anderen Grabsteinen unseres Friedhofs bezeichnend abhebt. Starkes Familiengefühl bei allen und gute Kameradschaft bei den meisten waren ihre schönste Eigenschaft und ein starkes Gegengewicht gegen manche Mängel und Fehler, die man gerade bei ihnen nicht vermutet hätte. Denn allerdings waren recht viele auch schlechte Kameraden und haben die anderen bestohlen. Besonders begegnete dieses Mißgeschick den armen Kerlen, die aus irgendeinem Grunde ins Gefängnis wandern mußten. Wenn sie dann wieder entlassen wurden, war häufig ihr Zimmerkamerad ausgerückt und irgendwohin spurlos verschwunden. Das bare Geld, die Kleider und die anderen Habseligkeiten des gefangenen