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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 11 · p. 516

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 11
Article
Ostjüdische Proletarier in Deutschland
Date
1918-01-01
Page
516 (sequence 5)
Language
German
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5i6 Max Eschelbacher: angesehene Leute, er selber werde die väterliche Fabrik übernehmen, sein Bruder aber sei Militärarzt im russischen Heere und trage das Georgskreuz, das, wie er meinte, dem Pour Le Merite entspreche. Diese Aussichten auf eine schöne Zukunft wollte er sich nicht verscherzen, darum kam er hierher und trat in ein großes Stahlwerk als Elektromonteur ein. Aber wenige Tage nachher wurde er von einem großen Laufkran dort zu Tode gedrückt. So ist noch mancher im Kriege unter den schwersten Gefahren unversehrt geblieben, um dann in vermeintlicher Sicherheit irgend einem unvorhergesehenen Zufall zu erliegen. Sehr viele sind ferner bei ihrer Arbeit leicht oder schwer verletzt worden. Da trat einer in die glühende Schlacke und mußte fast zwei Jahre lang im Krankenhaus liegen, bis der verbrannte Fuß wieder einigermaßen heil war, ein anderer verlor ein Auge, wieder andere brachen Arme, Beine oder Rippen. Der Direktor eines großen Werkes führte die auffallend zahlreichen Unfälle darauf zurück, daß die Leute mit ihrer Arbeit noch nicht recht vertraut und deshalb ungeschickt seien. Im übrigen aber meinte er resigniert, wo gehobelt werde, fielen eben Späne. Auf alle Fälle aber zeigen diese tödlichen Unglücksfälle, diese schweren Verletzungen, wie ernst es den Leuten mit ihrer Arbeit war, und wie sehr sie deshalb eine sachliche und freundliche Beurteilung verlangen können. II. Auch von diesen freien Arbeitern hat die Welt nicht allzuviel gesehen. Als sie hierherkamen, im Sommer 1916, wurde ihnen ein Zwangswohnsitz angewiesen. Die Fabriken hatten Schuppen erstellt, wo die Männer zusammen mit anderen, polnischen, Arbeitern zu einem recht hohen Verpflegungspreis untergebracht waren. Massenquartiere waren eingerichtet, in denen, wie in den Kasernen, immer zwei Betten nebeneinander und übereinander standen. Jede Behaglichkeit fehlte. Juden und Polen hausten in dem gleichen Raum, sie hatten keinen Streit miteinander, aber auch keine Berührung. Als ich zum erstenmal in eine solche Scheune kam, klagte mir ein junger Jude, er habe Tefillin legen wollen, aber ein Pole habe sie ihm vom Kopf geschlagen, aus Mutwillen, nicht aus Haß. Während wir noch miteinander redeten, kam aus dem dunkeln Hintergrund ein Krach und ein Schrei. Ein Pole hatte den andern niedergeschlagen. Die anderen wandten kaum den Kopf, das Schauspiel war ihnen vertraut. Aber wohl fühlten sie sich in dieser Umgebung nicht. Bald bekamen sie denn auch etwas mehr Freiheit und durften in Privathäusern Zimmer mieten. Dafür bezahlten sie 4—8 Mk. wöchentlich. Zu Mittag aßen sie in der Kriegsküche billig und schlecht oder in einem Restaurant teuer und auch oft schlecht. An dieser Misere waren sie allerdings selber nicht ohne Schuld. Denn hier zeigte sich eine auffallende Unfähigkeit bei diesen sonst so lebenstüchtigen Menschen. Wenn italienische Arbeiter, die wir im Frieden bei ihren Bahnbauten und im täglichen Leben so oft beobachten konnten, in geringer Anzahl sich irgendwo in Deutschland zusammenfanden, richteten sie sich gleich einen gemeinsamen Haushalt ein, und einer von ihnen kochte für die anderen ihren Reis, ihre Polenta oder sonst ein heimisches Gericht. Darum lebten sie mit geringen Kosten in der Fremde wie zu Hause, blieben unter sich und fühlten sich heimisch. Die jüdischen Arbeiter aber waren zu einem solchen häuslichen Zusammensein nicht zu bewegen. Sie vereinigten sich nicht zu einer eigenen Kolonie, stellten nicht, was so leicht gewesen wäre, eine Frau an, die

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