Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Ostjüdische Proletarier in Deutschland
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 515 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ostjüdische Proletarier in Deutschland - T - ■-■-—--—___ 5*5 kurz, überall wo es zu arbeiten gab, eingestellt Bei jeder schweren und bei jeder leichten. Arbeit waren sie zu finden. Sie stellten in der Modellschreinerei die Formen her, die dann nachher in Stahl ausgegossen wurden, sie standen in glühender Hitze an den Martinsöfen, wo der Schrott zu Stahl geschmolzen wird, sie fingen das kochende Metall auf und gössen es in der Gießerei in die Form, sie zogen im Walzwerk das Band aus weißglühendem Erz aus der schweren Presse, sie bedienten die großen Krane, und sie transportierten Minen und Granaten. Andere verrichteten leichtere Arbeit. Sie reinigten den Boden, sie liefen mit der Kaffeekanne an allen Arbeitsplätzen herum und schenkten ein, und einer, ihr Senior, der allerdings bereits Großvater war, hatte den ganzen Tag nichts zu tun, als in einem großen Stahlwerk die unbrauchbar gewordenen Kohlenstifte in den elektrischen Bogenlampen zu erneuern. Das Urteil der Industriellen über ihre Leistungen war schwankend. Ein großes Werk schrieb mir kurzerhand, es werde keine mehr einstellen. Oft wurde erklärt, sie seien körperlich nicht so leistungsfähig wie die Polen, gelegentlich auch, sie wollten nicht arbeiten. Dafür hoben wieder andere Unternehmer ihre große Intelligenz und Anstelligkeit hervor. Gerühmt wurde ihre Nüchternheit, beklagt ihr leidenschaftliches Kartenspiel. Man muß diese Urteile mit der nötigen Kritik aufnehmen. In ihrer Heimat waren diese Leute nur zum kleinen Teil Fabrikarbeiter gewesen. Ein Kaufmann, ein Student, der plötzlich in einem Stahlwerk, in einer Gießerei arbeiten soll, wird immer zunächst ungeschickt sein, und Kraft und Lust zu der ungewohnten Arbeit werden ihm fehlen. Die Abneigung gegen körperliche Arbeit wächst zudem auch im deutschen Volke bedrohlich. Der Direktor der hiesigen gewerblichen Fortbildungsschule, Gotter, ein anerkannter Fachmann, hat im vergangenen Jahre darüber lebhafte Klage geführt. Die verwundeten jungen Handwerker, die die von ihm eingerichtete Verwundetenschule besuchten, freuten sich über ihre Verletzung, weil sie ihnen einen leidlichen Vorwand gab, ihr Handwerk an den Nagel zu hängen. Dagegen waren die Posten als Ausläufer und Portiers, als Bürodiener und Kassierer von ihnen lebhaft begehrt. Gotter meinte, bei Engländern und Franzosen sei dieser Mißstand noch nicht eingetreten, und hier liege daher eine schwere Gefahr für die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands.. Unter diesen Umständen ist es begreiflich, wenn auch bei den polnischen Juden die Freude an der Fabrikarbeit gering ist, namentlich bei denen, die sie nicht gelernt haben. Wo sie dagegen in ihrem eigenen Handwerk arbeiteten, haben sie sich als ganz ausgezeichnete Kräfte bewährt. So kam einmal ein Schreibmaschinenmechaniker, den die Polizei bald auswies. Sein Chef, kein Jude, machte bis in die jüngste Zeit hinein die größten Anstrengungen, ihn wieder zu gewinnen, weil er einen solch tüchtigen Menschen noch nie gehabt habe. Trotzdem werden wir vielleicht später zu hören bekommen, die Leute hätten schlecht gearbeitet. Aber zur richtigen Würdigung dieser Klagen möchten wir auf die Opfer der Arbeit hinweisen, die unter ihnen gefallen sind. Vier von ihnen sind allein in Düsseldorf bei der Arbeit tödlich verunglückt und liegen auf unserem Friedhof begraben. Und mancher davon ist tragisch zugrunde gegangen. Da erschien eines Tages ein junger Mann, der bis dahin auf einer Thyssenschen Grube an der Saar gearbeitet hatte und wegen der Fhegerangntte von dort weggegangen war. Am Rhein glaubte er in Sicherheit «u sein, m erzählte, er sei nicht feige, aber er habe etwas zu verlieren, seine Eltern seien