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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 11 · p. 514

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 11
Article
Ostjüdische Proletarier in Deutschland
Date
1918-01-01
Page
514 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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SM Max Eschelbacher: Sie kümmerten sich allerdings wenig darum, und infolgedessen saß im hiesigen Gefängnis immer eine ganze Anzahl von ihnen wegen dieser und ähnlicher Delikte. Zu Zeiten war ihre Zuwanderung überhaupt verboten. So war im Bezirk des VII. Armeekorps seit März 1917 der Zuzug russischer jüdischer Arbeiter untersagt. Im benachbarten VIII. Armeekorps aber war eine entsprechende Bestimmung nicht erlassen worden, und die Leute, die in Düsseldorf nicht eingelassen wurden, nahmen dann einfach in Büderich Arbeit, das vor den Toren der Stadt, aber im Bezirk des VIII. Armeekorps liegt. Andere gaben sich als katholisch oder protestantisch aus, ohne an einen Wechsel des Bekenntnisses zu denken. Die Strafvorschriften waren auf die Dauer unwirksam, zumal, je länger der Krieg dauerte, desto mehr auch Beamte mit sich reden ließen. So sammelte sich denn im Laufe der drei letzten Kriegsjahre eine bunte Menge von Arbeitern an. Es waren nicht die Typen, in denen unsere Phantasie die Vertreter des russischen Judentums sieht, wenig Bachurim von der Jeschibah, wenig Söhne aus der stillen Welt der kleinen Landstädte, wenig begeisterte Zionisten oder Nationaljuden. Es war in der übergroßen Mehrzahl eine neue und uns noch unbekannte Schicht. Wie die Internierten, entstammten auch sie ausschließlich den besetzten Gebieten, also einem verhältnismäßig kleinen Teil von Rußland, namentlich aber dem russischen Industriegebiet. Sie kamen aus Warschau und Lodz und von der polnisch-schlesischen Grenze, vor allem aus Bendzin und Sosnowice. Aus anderen Gebieten des Ansiedlungsrayons, also aus Kurland oder der Ukraine, ist keiner geholt worden. Deshalb gelten auch die Beobachtungen, die man hier machen konnte, nur von den sozialistischen Proletariern aus dem Industrierevier. Es kamen Männer und Mädchen, die Männer meist in den Zwanzigern, einige aber auch älter, der Älteste ein Mann von 56 Jahren und Vater vieler Kinder. Einige waren verheiratet, einige haben sich hier verheiratet, die meisten aber waren ledig. Zu Hause hatten sie alle möglichen Berufe ausgeübt. Viele waren Handelsleute, andere Hausierer, nicht wenige aber waren auch ordentliche Kaufleute gewesen, deren Geschäft irgendwie ruiniert worden war, so ein Holzhändler, dem eines Tages sein Lager die Weichsel hinabgeschwommen war, ohne daß er herausbringen konnte, wer den Bubenstreich verübt hatte. Wieder andere waren als Buchhalter und Korrespondenten ausgebildet und beherrschten nach langem Aufenthalt im Ausland Deutsch und Englisch, Schwedisch und Französisch. Manche hatten die Jeschibah besucht. Viele waren Handwerker, Schneider und Schuhmacher, Kürschner, Spinner und Weber, Schlosser und Schriftsetzer, Juweliere und Mechaniker, Techniker und angehende Ingenieüre. Zwei Brüder waren dabei, Söhne eines Schmiedes und selber Schmiede. In einem Gefangenenarbeitskommando der Umgebung arbeiteten allein 22 jüdische Gerber. Aber auch seltenere Berufe fanden sich unter ihnen, Schauspieler und Athleten, Taschenspieler und Schlangenbändiger. Sie alle arbeiteten nun in den mannigfaltigsten Betrieben Deutschlands. Viele kamen aufs Land zur Feldarbeit. Ein ganzer Trupp, Männer und Mädchen, die in Sachsen auf den Rübenfeldern gearbeitet hatten, erschien bei uns eines Tages unter schweren Klagen über Mißhandlungen, die sie erlitten hatten. Andere wurden in lothringischen Hüttenwerken, in rheinischen Stahlwerken,

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