Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Ostjüdische Proletarier in Deutschland
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 513 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ostjüdische Proletarier in Deutschland die man eben Kräfte nötig hatte. Die hiesigen Internierten kamen meist aus den Lagern Havelberg und Holzminden. Sie stammten ausschließlich aus dem Ansfedlungsrayon und waren, wie die Kriegsgefangenen, sämtlich Männer. Von ihnen allen hat die Öffentlichkeit nahezu nichts erfahren. Sie waren in ihren Arbeitskommandos von der Welt fast völlig abgeschlossen. Gegen freie Verpflegung und geringe Vergütung arbeiteten sie auf den Feldern, in Steinbrüchen, bei Wegebauten und in Fabriken. In einem Kommando, in dem besonders viele gelernte Handwerker beschäftigt waren, bekamen sie schließlich eine Mark im Tag, womit sich die meisten zehn Zigaretten anschafften, das einzige, wonach sie verlangten. Mit ihren russischen, polnischen, litauischen Leidensgefährten standen sie gut, waren aber immer glücklich, wenn noch Juden da waren, und diese kleinen jüdischen Gruppen haben immer eng zusammengehalten. Gelegentlich wurden sie spazieren geführt, aber die schönsten Tage im Jahre waren unsere Feiertage. Dann durften sie zur Synagoge gehen, und die deutschen Militärbehörden waren immer entgegenkommend, wenn man ihnen deshalb einen Wunsch äußerte. Am Pessach bekamen sie auf Kosten der jüdischen Gemeinde Mazzoth, die einzige Unterbrechung ihrer einförmigen Kost. Weitaus die meisten Zugewanderten aber waren selbständige Arbeiter, die auf Grund eines mehr oder weniger freiwillig abgeschlossenen Arbeitsvertrags nach Deutschland kamen. Hier haben sie in den letzten drei Kriegsjahren in unserer Volkswirtschaft eine wichtige Rolle gespielt. Fehlte es doch an Arbeitern aller Art, so daß man sie im besetzten Ausland suchen mußte. Ein großes Heer von Arbeitern wurde aus dem Osten eingeführt, es mag nach Millionen gezählt haben, und nach einer unverbürgten Angabe sollen 60000 Juden darunter gewesen sein. Hier, in Düsseldorf, mögen zu gewissen Zeiten sich wohl 500 aufgehalten haben. Wie die Anwerbung dieser Scharen organisiert war, und welche Bestimmungen für sie galten, läßt sich im einzelnen nicht genau sagen. Die ganze Materie wurde von den Behörden geheim gehalten, und die Erlasse der verschiedenen Ämter und der stellvertretenden Generalkommandos waren zum Teil vertraulich. Nur an veränderten Maßregeln der örtlichen Polizeibehörden konnte man jeweils merken, daß von oben neue Anweisungen gekommen sein mußten. Aber einiges ließ sich doch feststellen. Die großen Firmen und Werke haben seit dem Sommer 1916 Vertrauensleute nach Polen geschickt, die dort Arbeiter anwerben sollten. Ebenso hatte die deutsche Arbeiterzentrale amtliche Büros im Okkupationsgebiet errichtet, ihre Agenten durchzogen das Land und schlössen mit denen, die sich meldeten, Verträge ab. Dabei wollten manche Agenten und manche Behörden von vornherein Juden ausschließen. Infolgedessen fügten sich die Betroffenen, die um jeden Preis Arbeit haben mußten, auch schweren und drückenden Bedingungen. Die Angeworbenen verpflichteten sich auf drei oder sechs Monate für eine bestimmte Arbeitsstelle und behielten sich dann das Recht der Rückkehr von Sie sollten allerdings in dieser Hoffnung schwer enttäuscht werden. Sie mußten viel länger in Deutschland bleiben und konnten erst ganz am Ende des Krieges die Heimat wiedersehen. Bei uns hatten sie zunächst gar keine Freizügigkeit, und später nur eine geringe. Sie durften ihre Arbeitsstätte nicht verlassen und mußten werterdienen, als ihr Vertrag abgelaufen war. Gefängnis bis zu einem Jahre drohte seit Dezember 1915 dem, der seine Arbeitsstätte verließ, ohne sich abzumelden..