Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Ostjüdische Proletarier in Deutschland
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 512 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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512 Max Eschelbacher: OSTJÜDISCHE PROLETARIER IN DEUTSCHLAND Der Krieg hat uns eine große, ergreifende Aufgabe gebracht. Unbemerkt von der großen Öffentlichkeit sind ganze Scharen jüdischer Männer und Frauen aus Rußland als Arbeiter bei uns eingewandert und haben in unseren Fabriken Stellung gefunden. Sie sind still gekommen, sie fielen nicht auf, während sie bei uns weilten, und am Ende des Krieges sind sie ebenso lautlos und verschwiegen wieder gegangen. Und dennoch war es der Mühe wert, sie kennen zu lernen und mit aller Sorgfalt auf sie zu achten. Denn mitten in Deutschland durften wir hier die jüngere Generation des russischen Judentums beobachten, in ihrem ursprünglichen Zustand und zugleich mitten in ihrer Assimilation an eine neue und fremde Welt. Wir konnten ihnen für den Augenblick helfen und uns gleichzeitig an der Quelle ein Urteil über Lebensfragen des russischen Judentums, ja des Judentums überhaupt bilden. Und diese erste Welle hat uns auf die Aufgaben vorbereitet, die uns eine weitere Einwanderung russischer Juden in Zukunft stellen wird. I. Zwei Klassen solcher Arbeiter sind zu uns gekommen. Einmal Kriegsgefangene und Internierte, dann aber freie Arbeiter. Die ersten kamen gezwungen, die anderen dagegen halbwegs aus freiem Willen. Bald nach Kriegsbeginn schon tauchten unter den russischen Kriegsgefangenen die ersten Juden auf. Sie stammten aus allen Teilen des gewaltigen Reiches, nicht nur aus dem Ansiedlungsrayon, also aus Polen, Litauen oder der Ukraine, sondern auch aus dem Kaukasus und vom kaspischen Meere, aus Sibirien und aus Turkestan. Neben Männern, die unzweifelhaft jüdisch aussahen, gab es auch viele, die jeder wegen ihrer breiten Gesichter und ihrer stumpfen Nasen für Slawen gehalten hätte, aber man fand auch nicht wenige hochgewachsene Männer mit blauen Augen und blonden Haaren. Man mochte oft zweifeln, ob es denn wirklich einen einheitlichen jüdischen Typus gebe, wenn man sie in größeren Massen versammelt sah. Der Militärdienst hat in Rußland auch die jüdische Bevölkerung in seinen Bann gezogen, und das Leben jüdischer Familien ist dadurch kriegerisch geworden. Da fand man Leute, die einen großen Teil ihres Lebens beim Militär zugebracht hatten und Frau und Kindern dadurch fremd geworden waren. Vier Jahre hatten sie als Infanteristen gedient, 1900 hatten sie dann den Chinafeldzug unter Waldersee und Linewitsch mitgemacht, waren 1904/5 in den russisch-japanischen Krieg gezogen und hatten am Jalu und bei Mukden gefochten, um 1914 abermals zum großen Kriege eingezogen zu werden. Wenn sie von den furchtbaren Kämpfen bei Tannenberg und Lodz und bei den masurischen Seen erzählten, rühmten sie gerne den im Vergleich dazu gemütlichen Krieg mit Japan, wo eine Schlacht acht Tage dauerte und dann viele Monate in ruhiger Stellung und bei guter Verpflegung folgten. Zu ihnen gesellten sich die Zivilgefangenen, die Internierten. Nach der Besetzung des Ostens war ein Teil der Bevölkerung in großen Lagern im Lande selbst oder auch in Deutschland untergebracht worden, und von hier aus wurden viele dann nach Deutschland befördert, um hier die Arbeiten auszuführen, für