Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Bodenbesitzordnung in Palästina
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 510 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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5io Franz Oppenheimer: Mittelbauernbetrieb zu beschaffen und dementsprechend als Vollarbeiter oder „Heuerling" in dem Zentralbetriebe weiterzuarbeiten oder als völlig Selbständiger aus ihr auszuscheiden. So wird sich jede Siedlung mit einem dichten Kranze von Ansiedlern umgeben, bis aus dem Gute ein Dorf, und an günstigen Stellen aus dem Dorfe ein Städtchen, sogar eine Stadt geworden ist. Auf diese Weise läßt sich unter sonst gleichen Umständen eine Dichtigkeit der Besiedlung und der Bevölkerung erreichen, die mit keiner anderen Grundform der Kolonisation auch nur entfernt erlangt werden kann. Und das heißt, von der finanziellen Seite aus gesehen, daß der Nationalfonds viel weniger Land zu erwerben nötig hat, als unter jedem anderen System. Damit aber sind die Vorteile noch bei weitem nicht erschöpft. Das System ist außerdem das einzige, das es verhindern kann, daß trotz stark steigender Bevölkerung der Bodenpreis steigt und damit die Aufgabe der Landbeschaffung fortschreitend bis zur Unlösbarkeit vermehrt. Man weiß, wie gewaltig die Steigerung der Bodenwerte in den letzten zwanzig Jahren gewesen ist, und welche Schwierigkeiten der Idee des Nationalfonds daraus erwachsen sind; übrigens eine Parallele im kleinen zu der ungeheueren Preissteigerung, die der Boden im preußischen Polen im Gefolge der Ankäufe der Ansiedlungsgesellschaft erfahren hat. Das läßt sich verhüten. Boden steigt nämlich nur dort, wo die Nachfrage wächst. Das ist unter dem üblichen System der Kolonisation überall dort der Fall, wo die Bevölkerung zunimmt. Wenn aber ein System existiert, das die durchschnittliche Dichtigkeit der Siedlungen in dem gleichen Schrittmaß steigert, wie die Bevölkerung durch natürlichen Zuwachs und Einwanderung zunimmt, dann gibt es keine neue Nachfrage nach bisher ungenütztem Boden, und die Spekulation bricht haltlos zusammen. Ein solches System ist, einen sehr stattlichen Besitz des Nationalfonds als Anfangszustand vorausgesetzt, das von mir empfohlene. Die durchschnittliche Dichtigkeit kann leicht auf 150, wahrscheinlich auf 200 Köpfe pro Quadratkilometer gebracht werden, so daß auf 1000 qkm gleich 100 000 ha 150 bis 200000 Seelen bequem leben könnten, nicht eingerechnet die Bevölkerung der Städte, die von der Arbeit für diese Bauernschaften ihren Unterhalt finden. Und 1000 qkm sind noch nicht 5 % der Fläche des West-Jordanlandes allein! Der Gedanke trägt noch weiter! Wenn es der jüdischen Kolonisation gelänge, das landlose arabische';Element gleichfalls anzusiedeln, so würde der Preis des Bodens sogar fallen, und zwar für den türkischen, kurdischen und syrischen Besitzer auf das empfindlichste fallen — und der Nationalfonds würde immer billiger statt teurer Neuland erwerben! Denn das fruchtbarste Land ist wertlos, wenn keine Arbeiter vorhanden sind, die gezwungen sind, seinem Besitzer Mehrwert zu steuern, weil sie sonst verhungern müßten. Diesem Zwang könnte man die Fellachen entziehen, indem man sie als freie Erbpächter oder gleichfalls in Genossenschaften ansiedelte. Man würde dadurch den Druck von den Löhnen der jüdischen Arbeiter nehmen, die in Privatbetrieben tätig sind, und würde das nicht-jüdische Land entwerten, um es billig erwerben zu können. Der nicht heillos voreingenommene Leser erkennt aus diesen Erwägungen, wie falsch auch vom rein ökonomischen Standpunkt aus die anti-arabische Politik gewesen ist, die namentlich die Arbeiterschaft Palästinas aus nationalistischen Gefühlsgründen heraus betrieben hat, eine Politik, die auch vom Standpunkt des sozialen Friedens und der politischen Sicherheit so verkehrt wie nur denkbar,