Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Bodenbesitzordnung in Palästina
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 508 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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So8 Franz Oppenheimer: Man braucht nur einmal mit einem der schweizerischen oder holsteinischen Bauern gesprochen zu haben, die in fast königlicher Selbständigkeit auf ihrem Vätererbe hausen, um zu wissen, daß hier ein erreichbares Ziel gesteckt ist. So viel vom Ziele. Aber fast noch wichtiger ist es, den Weg zum Ziele so zu gestalten, daß ihn der durchschnittliche Jungmensch gern betritt und ohne Wanken zu Ende geht. Hier vor allem liegt die sozialpädagogische Aufgabe, die wir zu lösen haben. Wir haben nicht mit Bauernkindern zu tun, die die Wissenschaft und Technik ihres väterlichen Berufes sozusagen mit der Muttermilch einsaugen, und im kindlichen Spiel bis zur fast vollen Meisterschaft entwickeln, sondern mit Städtern, die in eine ihnen oft ganz fremde Welt eingeführt werden sollen. Hier muß ein geregelter Lehrgang eingerichtet werden, aber nur ausnahmsweise in eigenen Lehranstalten, die unendlich teuer sind und ihre Zöglinge leicht übermütig machen, sondern im Betriebe der Land- und Gartenwirtschaft selbst. Das kann in alten Bauernländern im bäuerlichen Betriebe geschehen, wo sich der Lehrling am Beispiel des Meisters bildet wie im Handwerk; und wahrscheinlich werden wir — es ist Salomon Dyks sehr erwägenswerter Vorschlag — gut tun, eine stattliche Zahl unserer ersten Lehrlinge und Siedler in spe in Deutschland und Galizien-Polen bei Bauern und kleineren Großbetrieben in die Lehre zu geben, um das erste ausgebildete Pioniermaterial zu gewinnen. Aber das geht sehr langsam. Und so bleibt uns als großes Mittel nichts anderes als die Erziehung der jungen Leute in der Arbeiter-Produktiv- Genossenschaft, in die sie als Lehrlinge eintreten, um stufenweise über die Gesellenschaft zur Meisterschaft geführt zu werden. Hier ist ein geregelter, der erst allmählichen Entfaltung der Kraft angepaßter Lehrgang unschwer ein- und durchzuführen; hier ist auch die höhere Berufsausbildung durch den oder die Leiter zu erreichen: durch eine dem Klima und dem Volkstum entsprechende Ausgestaltung des Prinzips der nordischen Bauernhochschulen, die gleichzeitig ein neues Mittel sein werden, um das Landleben mit geistiger und gemütlicher Anregung zu erfüllen, während in der Arbeit selbst jener schon einmal genannte edelste und sozial wirksamste Trieb des Menschen seine Befriedigung findet, der instinct of workmanship. Zu der gleichen Lösung drängt gebieterisch eine andere Erwägung, die nicht den Weg zum Ziele, sondern die Ausgestaltung des Zieles selbst betrifft. Zum Bauern gehört die Bäuerin. Der Mittelbauer — und wir wollen ja keine Großbauern mit proletarischem, womöglich noch arabischem Gesinde — kann schlechthin nicht bestehen, wenn ihm nicht eine arbeitsharte und arbeitsfreudige Gefährtin zur Seite steht, die die Haus- und Stallwirtschaft liebt und versteht. Hier aber stoßen wir auf unsere ärgste Schwierigkeit. Die Beschaffung jüdischer Bauernfrauen für unsere-Siedler — nicht von Ehefrauen, sondern von Bauernfrauen — ist mindestens für die erste Generation eine verzweifelte Sache, trotz aller Anerkennung für die segensreiche Wirksamkeit mancher Gartenbau- und Haushaltschulen in Europa und Palästina. Wir haben uns deshalb fürs erste auf genossenschaftliche Großbetriebe einzurichten, die der sachkundigen Frauenarbeit zur Not auch ganz entraten können. Über diese Dinge und über die innere Ordnung der Produktiv- und Siedlungsgenossenschaften habe ich mich in der jüdischen Presse, zuletzt noch im „Erez Israel" gegen Einwürfe Oettingers u. a. so oft geäußert, daß ich diese Dinge als bekannt voraussetzen darf. Sie gehören auch nur zum äußersten Umfang des mir gestellten Gegenstandes, der Bodenordnung.