Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Grundproblem der Ansiedlung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 498 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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498 Herman Glenn: Das Grundproblem der Ansiedlung jüdischen Palästina, das ja gar nicht anders aufgebaut werden kann, werden sie sicherlich keine Hemmungen entgegenstellen wollen — schon aus Achtung vor den Stimmen ihrer eigenen Völker. Eine andere Befürchtung wäre weit ernster zu nehmen. Wird die so notwendige friedliche Entwicklung des Landes durch eine sozialistische Wirtschaftsgesetzgebung nicht eher äußerst problematisch gemacht? wird nicht mit der nahezu ausschließlichen Kolonisation durch Arbeiterproduktivgenossenschaften notwendig ein gefährlicher „Radikalismus" ins Heilige Land geträgen? Werden so nicht die leidenschaftlichsten zerstörenden Formen des europäischen politischen Kampfes auf ein bis jetzt glücklicheres Stüok Erde übertragen? Solchen Einwürfen gälte es noch zu begegnen. Und hier können keine Theorien entscheiden, nur die Wirklichkeit des jüdischen Menschen, des wirklich arbeitenden jüdischen Menschen vor allem. Vielfach — keineswegs etwa immer — der religiösen Tradition seines Volkstums entfremdet, ist er dies nur infolge einer Umorientierung seiner unverloschenen inneren Gläubigkeit, durch die Glut eines mächtig wirksamen neuen Rechts- und Seelenbewußtseins. Dennoch bleibt er dabei, dem Geiste seines Volkes getreu, nahezu ausnahmslos ein erbitterter Gegner jeder nackten Gewalt, der politischen und sozialen nicht minder als der rein militärischen. Dies ist der Unterschied des politischen Credos der jüdischen Volksschichten gegenüber dem typischen europäischen Kampfsozialismus, daß es die Gerechtigkeit nicht eigentlich von außen erzwingen, daß es sie durch die innere Läuterung der ideell erschütterten Menschen erringen und erreichen möchte. Der jüdische Volkssozialismus — wer nicht bloß die theoretisierenden Führer, sondern die lebendigen Menschen aus dem arbeitenden Volke selbst darüber gesprochen hat, wird dies bestätigen — ist von innerstem Grunde aus pazifistisch: nicht nur im gewöhnlichen außenpolitischen Sinne dieses Wortes, sondern auch im Punkte des sogenannten Klassenkampfes. Der materielle wirtschaftliche Kampf wird nur geführt, solange es gegen rückständigen und brutalen ausbeuterischen Egoismus schlechterdings nicht anders geht: nicht er aber ist treibend. Wenn den jüdischen Arbeitern ihr volles menschliches und soziales Recht wird, werden sie zwar, getreu den Imperativen ihres Volkstums, ethisch radikal, nicht aber politisch radikal im heutigen europäischen Sinne sein. Revolutionär in ihrem uralten menschheitlichen Hoffen auf ein künftiges Zeitalter der Gerechtigkeit, werden sie einer jeglichen gewaltsamen politischen Kampfesweise immer abhold bleiben und die ruhige selbstverständliche Erfüllung des Gemeinschaftslebens mit dem Geiste friedlicher Arbeit vorziehen. Von den jüdischen Landarbeitern insbesondere — man vergesse nicht, wie viele auch gebildete und bemittelte junge Juden schon bisher in Palästina aus begeisterter Gläubigkeit allein Landarbeiter und Wächter geworden sind — wird kein politischer Radikalismus zu befürchten sein, wenn die zentralen Institutionen sich ihrer, dieser künftigen Eroberer Palästinas durch Glauben und Schaffen in erster, allererster Linie annehmen, wenn sie sich von ihren Bedürfnissen und Hoffnungen leiten lassen, wenn sie die Verwirklichung ihres Gemeinschaftslebens durch die Einleitung der ersten Schritte dazu ermöglichen. Freilich, mit den überlieferten Methoden der ökonomischen Vorherrschaft kleiner materiell privilegierter Schichten und Klassen, mit jeglichem kapitalistisch angefressenen System von direkter wirtschaftlicher Abhängigkeit der Einzelnen von Einzelnen komme man an diese Menschen, an das arbeitende und arbeitsuchende jüdische Volk gar nicht erst heran.