Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Grundproblem der Ansiedlung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 497 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Grundproblem der Ansiedlung Wirtschaft in großen Betrieben, bisher durch die Hypertrophie des städtischen Kapitalismus völlig hintangehalten, wird die Folge sein. Die zu einem enormen politischen Faktor angewachsene und zu starkem Kraftbewußtsein gelangte Arbeiterschaft wird aber den Neuübertritt zur Scholle nicht unter den bisher übliehen feudalen und frühkapitalistischen Bedingungen vollziehen wollen, und auch das genügsame Glück des Kleinbauerntums ist nicht ihr Ideal; sie wird nach denjenigen Formen greifen, die ihren Anschauungen und ihren Bedürfnissen am ehesten entsprechen: also zur ländlichen Produktivgenossenschaft mit weitgehender Selbstverwaltung, auf Grundlage des vergesellschafteten und technisch möglichst vollendeten Großbetriebs. Es würde hier zu weit führen und dem Zweck unserer Ausführungen wenig entsprechen, wenn wir diese skizzenhafte Andeutung der wahrscheinlich nahenden europäischen Agrarentwicklung genauer begründen und im einzelnen prüfen wollten. Nur sei noch darauf hingewiesen, daß die Vorboten einer solchen Evolution infolge der abnormen Zeitverhältnisse, wie sie der Weltkrieg mit sich gebracht hat, an verschiedenen Stellen bereits greifbare Gestalt angenommen haben — so, vom rein ökonomischen Standpunkt recht merkwürdigerweise, am stärksten in Rußland, trotz der noch geringen Industrialisierung und des gewaltigen Landreichtums; der extrem-orthodoxe Maximalismus begünstigt dort die verfrühte Lösung, wie sie der temporären äußersten Not entsprungen ist — während die gesamte Bauernschaft, die soeben erst die größte Revolution und Neuaufteilung des Bodens durchgeführt hat, geschlossen dagegen auftritt. Was aber in Rußland nur vorübergehende Not und in Westeuropa die Agrarevolution der kommenden Jahrzehnte ist, haben wir in Palästina als geschichtlich fertige und unabwendbare, unmittelbar zu lösende nächste Aufgabe vor uns. Die Verantwortung ist ungeheuer; nicht nur vor dem jüdischen Volke und seinen schaffenssehnsüchtigen Menschen, sondern auch vor dem künftigen Europa, mit dessen Schicksal unser Volk noch fernerhin so innig verbunden bleiben wird, und dem wir so, durch den Vorantritt in die zwangsläufig gebotene und unerhört schwierige Phase des Agrarsozialismus — mit dem wir anfangen müssen, wo. jenes damit erst abschließen soll —, vielleicht wertvolle ideelle Dienste leisten können, einen Teil unserer kulturellen Ehrenschuld vor dem großen Okzident auf diese Weise erwidernd. . Dies ist zwar gewiß nicht ausschlaggebend: aber sollten wir nicht trotz allem stolz daraufsein, auch in dieser sozialen Phase die Pioniere weltgeschichtlichen Neubeginns zu werden? Und ist die jetzt beginnende neue Aufgabe, die organische Ergänzung des durch tiefe jüdische Geistigkeit begründeten theoretischen Sozialismus unseres Zeitalters, nicht an sich schon weit ehrenvoller und edler, als es diejenigen des Überganges der Weltwirtschaft vom Naturalverkehr zum Merkantilismus und dann zum Kapitalismus gewesen sind — Aufgaben, die doch auch von den Juden als ersten im Großen angefaßt und gelöst wo/den sind? Manche vorsichtigen Politiker fürchten nun allerdings, den vernichtenden Einspruch der jetzt bestimmenden Regierungen der europäischen Westmachte gegen derartige „revolutionäre" Experimente in Palästina herauszufordern. Indessen sind diese Regierungen bloß gegenüber dem machtpolitisch-revolutionären europäischen Sozialismus im höchsten Grade mißtrauisch und feindlich gesonnen feiner nach außen rein ökonomisch, nach innen rein ethisch begründeten sozialistischen Gesetzgebung und ruhigen arbeitsamen Entwicklung des