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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 11 · p. 496

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 11
Article
Das Grundproblem der Ansiedlung
Date
1918-01-01
Page
496 (sequence 6)
Language
German
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496 Herman Glenn: nach den Städten, den Verkehrsstraßen, den Kraft- und Rohstoffzentren hin; dort auch fanden die sozialistischen Gegenströmungen ihren Boden~und ihren Ausdruck. Wo aber eine sinnlose Verteilung des an sich genügend vorhandenen Bodens sich historisch fortsetzte, wurde und wird sie durch breite Bauernschichten bekämpft und zuletzt auch irgendwie bezwungen — so z. B. im amerikanischen Westen, wo resolute angelsächsische Squatters den seigneuralen spanischen Eigentümern ihren fiktiven Landbesitz durch systematische eigenmächtige Gewalt, in unbekümmerter Bebauung des brachliegenden fremden Bodens, abtrotzten; so zuletzt in Rußland, wo die große Revolution dem Lande der Bauern erst richtig das dazugehörige Bauernland gab; so in nicht zu ferner Zukunft wohl in manchem weiteren europäischen Lande, sei's auf friedlichem, sei's auf erzwungenem Wege: wir denken dabei in erster Linie an Rumänien und Italien. Wo heute auf dem flachen Lande eine revolutionäre Gesinnung vorhanden ist, geht sie demgemäß immer noch auf neue Aufteilung des Bodens aus, auf Beseitigung der ländlichen Großgüter vor allem. Der private Großgrundbesitz selbst, durch die ununterbrochene Flucht der Landproletarier in die Städte — wo größere persönliche Freiheit und höherer Lohn winkten — beträchtlich in seiner Macht geschädigt, konnte vielfach überhaupt erst durch besondere feudale Gesetzgebung (Fideikommisse usf.) vor freiwilliger Aufteilung geschützt werden; an vielen Stellen war er auf ländlich-pauperische fremde Elemente (Sachsengänger) angewiesen, deren niedere Kulturstufe und völlige rechtliche Hilflosigkeit erst die schlimmen primitiven Arbeitsbedingungen ermöglichte, ohne die der wirtschaftliche Ertrag der Großgüter stark in Frage gestellt gewesen wäre. Werden alle diese Verhältnisse auch für die Zukunft bleiben? Man darf dies ernstlich genug bezweifeln. Das Zeitalter des rein industriellen Kapitalismus hat notwendig zum Weltkrieg gedrängt und geführt, ist aber in diesem Kriege auch selbst zu einem gewissen Abschluß gekommen. Die früher schon überall eingeleitete Emanzipation des Weltmarktes von der europäischen Überproduktion — der ja eine Nichtproduktion der Länder dieses Weltmarktes auf industriellem Gebiete als notwendige Voraussetzung zugrunde lag — hat während des Krieges einen beträchtlichen Umfang erreicht; überall in der Welt regt sich der Sinn auch bisher unberührter Nationen nach der Richtung einer beginnenden emsigen Industrialisierung hin, und ein noch so großer neuer Weltkrieg auf kapitalistischer Grundlage würde diese Entwicklung nicht mehr hemmen können —■ ein solcher Krieg um die Weltmärkte wird daher bald gegenstandslos und somit nicht mehr möglich sein. Die überindustrialisierten Gebiete des europäischen Westens, einschließlich Deutschlands, können nun zwar einen gewissen Teil ihrer geübten Arbeiterschaft an die zur industriellen Großproduktion neu übergehenden Länderabgeben; ein anderer Teil kann auch weiterhin freien Boden in den vielen Kolonien und sogar in der Heimat zum Eigenbesitz erhalten. Das große eigentliche Problem wird aber damit auf die Dauer nicht zu lösen sein: nämlich die kommende Entwertung der Existenzbasis großer Schichten des städtischen europäischen Proletariats durch die Eigenindustrialisierung der Länder des Weltmarktes, wovon zunächst wohl nur die angelsächsischen Monopolmächte nach ihrem entscheidenden Siege im Weltkrieg weniger betroffen sein werden. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird neben einer starken Emigration die Rückkehr der städtischen Proletarier auf das flache Land den Weg zur Lösung jenes drohenden Problems weisen; die ökonomische Zentralisierung der Land-

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