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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 11 · p. 495

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 11
Article
Das Grundproblem der Ansiedlung
Date
1918-01-01
Page
495 (sequence 5)
Language
German
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____Das Grundproblem der Ansiedlung ---------—__495 Die ganze genossenschaftliche Gesetzgebung aber, die die Vertreter der zentralen judischen Organisationen mit den Abgeordneten der jetzigen und künftigen judischen Arbeiterschaft, unter Zuzug von Fachleuten, demnächst zu schaffen haben werden, wird von weittragender Bedeutung nicht nur für uns sein Insbesondere wird unsere Agrargesetzgebung, deren Grundproblem eben jene Kolonisation im Großen durch Landarbeiter sein muß, schlechthin zum geschichtlich erstmaligen Vorbild für kommende Entwicklungen auch in anderen Staaten werden können. Die Entwicklung der Landwirtschaft in den zivilisatorisch fortgeschrittensten Ländern ist bisher allgemein nach anderen Gesetzen erfolgt, als diejenige der großen Industrie; demgemäß ist auch die theoretische Auseinandersetzung über ihre Richtlinien und die Bedeutung der verschiedenen Tendenzen in denselben noch keineswegs zu irgendwie abschließenden Resultaten gekommen. Nicht einmal in der sonst einheitlicheren sozialistischen Ökonomik sind die Ansichten irgendwie als geklärt zu betrachten. Die Orthodoxie, die sich hierin übrigens neben Marx auch auf Lassalle berufen kann, sieht im vergesellschafteten Großbetrieb, d. h. im wesentlichen in der national kreditierten, staatlich gewährleisteten und zum Teil geleiteten freien ländlichen Arbeiterproduktivgenossenschaft, das Ziel und Ende der kommenden Evolution, ohne indes in den realen Tageskämpfen die praktischen Konsequenzen daraus zu ziehen, da zur Zeit noch offenbar die umgekehrte Tendenz vorherrscht — nämlich eine fortschreitende Parzellierung der großen öffentlichen und privaten Landgüter in kleinere Bauernbetriebe, die im allgemeinen heute intensiver ausgenutzt werden können, während unter Umständen genossenschaftliche Zusammenschlüsse freier Einzelbauern (nicht Landarbeiter, die zu solchen Organisationen noch keine Mittel besitzen) auch größere kulturtechnische Fortschritte zu erreichen erlauben. Auf diese Umstände weisen neben den meisten bürgerlichen Agrarökonomen — die übrigens keineswegs die wirtschaftliche Superiorität des wissenschaftlich geführten, mit besten maschinellen Hilfsmitteln versehenen landwirtschaftlichen Großbetriebes verkennen — die gemäßigten sozialistischen Revisionisten hin, die auch grundsätzlich die Schaffung neuer Bauernstellen als den eigentlichen Zweck der kommenden, zumindest teilweisen Enteignung des Großgrundbesitzes ansehen. Der ganze Streit ist in Wirklichkeit ein nur scheinbarer: es handelt sich nicht um absolute und prinzipielle, sondern um relative und historische Kategorien. Solange nämlich die Landflucht proletarisierter Existenzen aus den Dörfern und Gütern gestützt und angetrieben wurde durch die rasende Entwicklung der städtischen Industrien (neben denen die Landwirtschaft naturgemäß nicht gleichen Schritt halten konnte), sowie durch die weitgehenden Möglichkeiten der Emigration; solange außerdem eine gesicherte Zufuhr von Getreide und sonstigen Lebensmitteln bestand, wie im westlichen und mittleren Europa, oder unermeßliche Ackerflächen die Verpflegung der Bevölkerung selbst bei extensiver Nutzung verbürgten, wie in Rußland — da war die Landwirtschaft für kapitalistische Produktionsformen, zu denen eine hinreichende Steigerungsfähigkeit der Erträge parallel zu den anderen Industrien und ein genügendes Material an Arbeitskräften gehört, einfach überhaupt noch nicht reif, und in diesem Stadium befindet sie sich in" Europa in gewissem Sinne auch heute noch. Die private Konzentration der Güter verschob sich im neunzehnten Ja^hundert durch die Entwicklung der industriellen Technik und die Aufschließung der Weitmarkte

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