Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Grundproblem der Ansiedlung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 494 (sequence 4)
- Language
- German
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494 Herman Glenn: Institutionen so rasch als möglich entschließen und bekennen sollten, womit sie nur dem Geiste unseres Volkes und dem Geiste unserer Zeit die schuldige Ehrung erweisen würden, ist hier naturnotwendig die der ländlichen (und industriellen) Arbeiterproduktivgenossenschaft, wie sie von manchen Seiten (Oppenheimer, Oettinger, Kaplansky u. a. m.), immer noch nicht einheitlich und konsequent genug, vorgeschlagen und vertreten wurde; nur sporadisch dürften dann auch andere Formen der Genossenschaftsbildung, oder gar der private Besitz, aus nationalen Mitteln unterstützt werden. Es sei dabei bemerkt, daß durch diese Form der Besiedlung auch die schwierige Frage der arabischen Pächter auf den neuen jüdischen Nationalgütern in gerechtester weitsichtiger Weise gelöst werden kann. Man muß nur grundsätzlich dem sonst depossedierten Fellachen den Beitritt zur okkupierenden jüdischen Genossenschaft freistellen; die wenn auch primitiven Fertigkeiten und Spezialkenntnisse des mit seinem Boden verwachsenen Mannes können dieser (wenigstens anfänglich noch) zum Teil ungelernten Genossenschaft oft von wirklichem praktischem Nutzen sein; der positive Kontakt der neuen Einwanderer mit dem Lande und seinen Bewohnern kann dadurch sehr gefördert werden; vor allem aber sollte die nur so zu ermöglichende Wahrung der sozialen Gerechtigkeit — und die bindende Kraft gemeinsamer Arbeit — den jüdischen Genossenschaftlern höher stehen als etwaige chauvinistische Regungen, vor denen wiederum nur auf das dringlichste gewarnt werden muß. Zieht dagegen der Araber bei einer gewissen Entschädigung den Abzug aus der Gemeinschaft vor, so brauchen ihm natürlich keine weiteren Hindernisse in den Weg gelegt zu werden. Gegen die ländliche Arbeiterproduktivgenossenschaft als solche werden verschiedentlich Bedenken geäußert, die teils auf einer unverzeihlichen Unkenntnis der modernen wirtschaftlichen Gesellschaftsstruktur und ihrer treibenden schöpferischen Kräfte beruhen, teils aber — so bei den ernst zu nehmenden Fachleuten — aus Beobachtungen im Kleinen, an den wenigen vorhandenen und noch unreifen Gebilden, entstanden sind. Sollte aber nicht schon aus dem geringen bisherigen palästinensischen Material wenigstens die nationale Stoßkraft imponieren, mit der gerade eine solche Genossenschaft (Daganiah) als erste Siedlung jenseits des Jordans Fuß gefaßt hat? und sollte nicht auch der Umstand allein genug zu denken geben, daß die jüdischen Arbeiter selbst, diese wesentlichsten Träger unserer nationalen Hoffnungen in der kommenden Zeit, offenbar in der Genossenschaft die ihnen allein erstrebenswerte Form der Lebensgestaltung erblicken? Bei der Kolonisation im Großen durch — wenn auch vorerst meist ungelernte — Landarbeiter, wie sie zur wahren Gewinnung eines jüdischen Palästinas unumgänglich ist und wie sie durch die Entwicklung der Dinge im Osten nächstens als eine zwangsläufige Aufgabe erscheinen wird, kommen naturgemäß noch weit mannigfaltigere Formen der Genossenschaft in Betracht, als sie bis jetzt bei den bescheidenen ersten Versuchen möglich gewesen sind. Viel stärker wird vor allem auf den Zusammenschluß von Familien, mit Einfügung und Ausbau gewisser teilweiser Einzelwirtschaft derselben, Nachdruck gelegt werden: so daß die Genossenschaft vor einem sonst vielleicht drohenden, menschlich ungenügenden, rein technisch-organisatorischen Charakter bewahrt und zu einer wirklichen Lebensgemeinschaft ausgestaltet werden kann.