Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Disraelis "Tancred" [Rezension]
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 488 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau gesehen sind, die lebendige Spur des alten Geistes zu finden. Es gelingt ihm, einsam auf dem Sinai, seine offenbarende Stimme zu hören. Diese Stelle müßte eigentlich der Gipfel der Erzählung sein; aber sie enttäuscht. Die unverbindliche, oft blasse und wenig strenge Sprache klingt im Munde des „Genius Arabiens", der Gott vertritt, wie Blasphemie. Von wenigen Sätzen abgesehen, hat diese Offenbarung den Stil einer resümierenden histoiischen Betrachtung, die sich mit den größten Gegenständen beschäftigt. Aber auch sie werden nicht so aus der absoluten, schöpferischen Vernunft, wie aus der Neigung gesehen, für das Geforderte doch schon einiges seit alters Wirkliche als Surrogat zu nehmen; der Pakt mit der Kirche ist hier schon legitimiert. Tancred wird das bestätigt, was er glaubte: „Das Band zwischen Gott und Menschen ist zerrissen, darum ist alles moderne Elend und Unbehagen entstanden." Und ihm wird befohlen: „Verkünde die trostvolle und erhabene Lehre der Gleichheit unter Gottes Führung." Die Auseinandersetzung mit diesem- Gedanken und den anderen, an die er gereiht ist, soll hier nicht geführt werden. Er ist sicher bedeutend genug, um, in vollem Ernst verstanden, eine große historische Bewegung beseelen zu können. Es kommt nicht dazu. Tancred vergibt in den ersten Schritten des Weges seine Kraft und Frische, er verliert im Netz der realen Hindernisse rasch die Unendlichkeit seines Willens. Das Ende der Erzählung öffnet die Aussicht auf ein Leben wie viele, nur ausgezeichnet durch einen Schimmer verlorener Größe, ein Leben, das seine besondere Geistigkeit in sich bergen wird, ohne die umgebende Welt damit umzuschaffen. Tancred, der als Held beginnt, ist ein Intellektueller unter anderen geworden, und vielleicht wird er ein Politiker unter anderen werden. Wir denken an Disraeli, erinnern uns, welche praktische Macht dieser Mann besaß, und fragen: Wie ist es möglich, daß eine Welt noch so aussieht, deren größtes Reich er viele Jahre leitete? In Disraeli war ein lastendes Gefühl der Berufung; es fand nicht seinen wahren Gehalt. Er wollte die uralte Autorität geistiger Gesetze wieder aufrichten und trat ein für ihre entfernteste Ableitung, die Autorität der Kirche, für ihr unzuverlässigstes Symbol, die Autorität der Monarchie und Aristokratie. Er wollte die Gleichheit unter Gottes Führung und betrieb eine maßvolle Sozialreform gegen den kapitalistischen Liberalismus. Wie er in seiner Sprache beim Abgeleiteten und Formelhaften halt macht, und mit ihm freilich Außerordentliches, aber nie das Letzte, den entscheidenden Durchbruch des Wesens in die Gestalt, zustande bringt, so erschöpften sich die großen Intentionen seiner Politik an einer Umgruppierung des in festen Formen überlieferten politischen Stoffes. Ihre empfundene, aber nicht geklärte Idee war es, diesen Stoff aus reinem Geiste neu zu formen. Wo hat er es wirklich versucht? Seine politische Sprache war, so scharf, glänzend und fest sie sich gab, nicht die Sprache, nach der Tancred sich sehnt, die Sprache, die aus dem ewigen Herzen der Menschheit kommt und zur Erfüllung ewiger und einfacher Gesetze die Völker aufruft. Seine Orientpolitik, an der sich der Geist des Tancred hätte bewähren können, zeugt nicht von seinem Glauben, daß die Rettung Europas nur noch von der Führung des erwachten Orients zu hoffen sei. So fehlte auch hier, in der praktisch so bedeutenden politischen Leistung, wie in der literarischen, die im höchsten Sinne schöpferische Macht, deren sie bedurft hätte, um ihre Idee zu erfüllen. Mit dem Gefühl der Verpflichtung gegenüber einer unerfüllten, vielleicht unerfüllbaren menschlichen Aufgabe mag die tiefe Hoffnungslosigkeit zusammenhängen, in die das Buch Tancred, ein sehr persönliches Werk, ausklingt. Autor und Held suchen den östlichen Geist und erliegen der westlichen Praxis. Es verrat sich offen genug, daß auch Tancreds Glaube an den Orient persönliche Angelegenheit des Autors ist. Disraeli, der christlich-konservative Staatsmann, wendet sich gegen jedes Verwischen oder Vertuschen des Jüdischen mit Argumenten, die heute gangbar geworden sind. Darüber hinaus aber äußert sich ein Stolz auf seine jüdische Abstammung, der in den widersprechendsten inneren Tatsachen vom Bewußtsein religiöser Mission zur Heilung der Menschheit bis zur fast chauvinistischen Verachtung des Fremdrassigen wirksam ist. Das Christentum erscheint ihm als Medium der Ausbreitung jüdisch-orientalischer Ideen. Dem Lande entstammt, von dem die Offenbarung dieser Ideen ausging, fühlt er sich durchaus noch als Kolonisator in barbarischer Fremde. Alle selbständige Entwicklung Europas, der „geistigen Kolonie Arabiens", ist nach dem Verfall des Mutterlandes roh und verirrt. Bei Bethlehem, vor den Trümmern salomonischer Bauten, denkt Tancred: „Und doch erkühnt sich so ein flachnäsiger Franke, der vor* Eitelkeit platzt und vor lautem Geschäftswirrwarr nicht zur Ruhe kommen kann — ein Angehöriger einer Rasse, die vielleicht in einem erst halb trocken gelegten nor-