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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 10 · p. 487

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 10
Article
Disraelis "Tancred" [Rezension]
Date
1918-01-01
Page
487 (sequence 1)
Language
German
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BÜCHERSCHAU Disraelis „Tancred"*) Dieses Zeugnis eines großen Lebens ist so erstaunlich und oft so erhaben, daß man versteht, wie es für große Dichtung gehalten werden kann. Dennoch ist kein eigentlich künstlerisches Element für den Roman wichtig. Er ist außerordentlich in der Fülle der geschilderten Typen, in der Kenntnis aller Schichten der Gesellschaft und vieler der Seele. Aber wo er davon berichtet, bleibt er Bericht einer Kenntnis; man mag bei der Schärfe dieses Blicks an Stendhal, bei seiner Weite an Balzac denken — aber man wird dabei gleich erinnert, was dem Werk fehlt: die straffe, rhythmische Form des einen, wie der lebendige und belebende Atem des andern. Der Mangel des eigentlich Schöpferischen, der sich in künstlerischen Mängeln aller Art manifestiert, geht aber bis in den '— außer der Kunst wohnenden — Kern des Buches. Über die glanzvolle psychologische Darstellung, die großartig angelegte, aber oft nur ungestalt und fade romantisch durchgeführte Handlung wäre mehr zu sagen, als in dieser kurzen Anzeige möglich ist. Wir brauchen ihren Raum, um von Wichtigerem wenigstens andeutend zu sprechen: von dem Charakter des Romans als Kundgebung Disraelis zur Geschichte der Menschheit und zu seiner Zeit, die gestern noch die unsere war. Welches Gefühl äußerster, beklemmender Spannung, zu sehen, daß bei den wenigen, denen die ganze Hohlheit des zivilisatorisch fortschreitenden Europa vor mehr als einem halben Jahrhundert deutlich war, einer der mächtigsten und bedeutendsten Staatsmänner der Moderne stand. Disraeli war schon mitten in seiner politischen Arbeit, als er „von der ständig wachsenden Melancholie des aufgeklärten Europa" schrieb, „die sich hinter all dem frechen Geschrei, hinter all dem lauten Galgenhumor und marktschreierischen, wissenschaftlichen Brimborium doch nur schlecht verbergen konnte". Tancred, der im Roman *) „Tancred oder der neue Kreuzzug", von Benjamin Disraeli. Übersetzt von Oskar Levy (Georg Müller Verlag, München). diesen Gedanken trägt, ist üer Sohn eines englischen Herzogs. Er verzichtet bei der Erklärung seiner Mündigkeit auf den Parlamentssitz und die übliche Laufbahn. Ihn lockt nicht eine Politik, die ohne Ideen, ohne tiefere Lenkung den Interessenströmungen an der Oberfläche folgt und in ihrem Kampf sich erschöpft. Er sucht nach dem Geist, der diesen ganzen, in einem verzwickten und verstrickenden Netz von Nerven, in tausend Eindrücken und Tätigkeiten verlorenen Körper Europas einig und freudig erneuem kann. Er findet ihn nicht in der Politik. „Die energischsten Männer Europas sind nichts wie geschäftige Nichtstuer. Ganze Weltreiche werden heute wie kleine Städte regiert. . . Und wie kann dem anders sein, wenn wir nicht imstande sind, die Menschen wieder dem Himmel näher zu bringen und die Regierungen wieder göttlicher zu machen." Noch weniger findet er ihn in der Wissenschaft der Zeit, die Geist und Person in der Geschichte wie in der Natur zu degradieren beginnt und eben den Sieg des Materialismus vorbereitet Der einzige Hauch geistiger Größe, ordnender Macht, der seine Jugend traf, kam vom Orient; ihn trugen die Bücher des alten Testaments, die Evangelien, das arabische Schrifttum. Aber „die asiatische Offenbarung von damals und die europäische Praxis von heute" stimmen nicht überein. So fährt Tancred nach Syrien, um auf dem Boden, der die Offenbarungen anzuziehen scheint, eine neue Offenbarung zu empfangen, um mit ihr die schlummernden Völker des Orients, vor allem Araber und Juden, zu wecken und zu führen, um dem Geist seinen verlassenen Thron wieder zu erobern, damit er die Menschheit rette und regiere. Denn daß Rasse und Boden in einer unauflöslichen Einheit mit bestimmten geistigen Erscheinungen, Fähigkeiten und Aufgaben geradezu verschmolzen sind, ist ein Axiom seines Denkens. „Der Schlummer Asiens ist mehr wert, als das wache Leben des übrigen Erdballs, gleichwie der Traum des Genies wertvoller ist als das Wachsein eines gewöhnlichen Sterblichen." Es gelingt Tancred, bei Arabern und Juden, die hier durchaus in einer höheren Einheit

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