Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Industrialismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 480 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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480 Markus Reiner: Der Industrialismus bewegung beiseite schieben könnte." — Das war 1916. Seither kam 1914,—15, —16, —17, —18... Freut sich Poincar6 eines Geschützes von 120 km Port6e um der Erweiterung unserer ballistischen Kenntnisse willen, die es zweifellos bringen wird? Dahin kam sie, diese Welt; sie treibt auf dem Maelstrom ihrer Zivilisation in einem Wirbel, ohne den Ausweg zu finden, da sie den Kompaß' verlor, den ihr einst der Jude in die Hand gab, als sie schon einmal nahe am Untergange war, und der heißt: nicht „ .. . um des Lebens willen" wie sie vermeinte, als sie sich wiedergebar, nicht „ .. um der Wissenschaft willen", wie sie resignierte, als sie es kennen lernte, sondern „ . .. um Gottes willen", woran wir nicht vergessen dürfen, wenn wir in das Land zurückkehren, daß Er uns verhieß. * Was sollen wir also tun? Hüten wir uns davor, unser kolonisatorisches Ideal in einer Verpflanzung des europäisch-amerikanischen Industrialismus nach Erez-Israel zu sehen. Hüten wir uns davor, mit großen Kosten Maschinerien anzulegen, die, wenn vielleicht nach der militärischen Abrüstung eine freiere Menschheit auch eine industrielle Abrüstung durchführt, nichts weiter waren als altes Eisen. Verfallen wir nicht in den Irrtum jenes Prüfungskandidaten, von dem Paulsen erzählt, er hätte auf die Frage, wovon sich die Lappländer ernährten, zur Antwort gegeben: „By washing one another clothings". Nein, man kann nicht davon leben, daß man einander die Kleider wäscht, und wenn man das Wasser noch so billig bekommt, sondern heute noch nähren wir uns von dem, was Gott uns am sechsten Schöpfungstage zur Nahrung gegeben: von allerlei Kraut, das Samen trägt, auf der ganzen Erde, und allerhand fruchtbaren Bäumen, die sich besamen, zu unserer Speise. Daher behalten wir als Grundlage, auch wenn wir nunmehr großzügiger werden arbeiten können, das, was der Zionismus von jeher mit sicherem Instinkte als das eigentliche Ziel seiner kolonisatorischen Tätigkeit angesehen hat: die landwirtschaftliche Besiedlung Palästinas. Geben wir dem Menschen zuerst die Nahrung und Schutz, daß sie ihm nicht genommen werde. Schaffen wir ein freies Volk auf freiem Grund. Commengons par le commencement! Daran schließen wir natürliche Industrien an, in denen Halbbauern, die dafür sorgen werden, daß sie nie ihre Nahrung verlieren, die die Nabelschnur, die sie mit der nährenden Erde verbindet, nie durchschneiden werden, ihre Rohprodukte einer Bearbeitung unterziehen, um jene gewerblichen Erzeugnisse, die sie benötigen, sich herzustellen. Um das herzustellen, was sie benötigen, sie selbst und ihre Nächsten und nicht: Badehosen für Neger oder Nachtmützen für Chinesen oder Zigaretten für Europäer, d.h. in Wirklichkeit: Zinsen für ein Kapital. Denn täuschen wir uns nicht darüber: das sind keine Mittel, um Massen in das heilige Land zu bringen. Kein polnischer Jude wird nach Erez-Israel gehen, um dort Zigarettenarbeiter zu werden, wenn er versuchen kann, es in Berlin, wie andere Landsleute, zum Zigarettenfabrikanten zu bringen. Aber er wird nach Erez-Israel gehen, um sich dem Lande durch Arbeit zu vermählen, um dieses verwüstete Land zu neuem Leben zu erwecken, um es und sich durch dieses neue Leben zu reinigen, um es wieder zum heiligen Lande zu machen. Und dazu wird er natürlich auch Industrie brauchen, d, h. Fleiß, Gewerbefleiß, gewerbliche Betriebsamkeit (lateinisch: industria). Diese Industrie wird nicht in Gestalt einer kapitalistischen Fabrik, sondern in Gestalt einer sozial organisierten industriellen Produktion inmitten der landwirtschaftlichen Siedlung Platz finden und landwirtschaftliche mit industrieller Tätigkeit vereinigen. Und es wird sich