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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 10 · p. 479

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 10
Article
Der Industrialismus
Date
1918-01-01
Page
479 (sequence 9)
Language
German
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Der Industrialismus 479 anzuwenden: im Ackerbau, in der Werkstatt, im Studierzimmer — anstatt auf Lebenszeit an eine dieser Beschäftigungen allein festgenagelt zu seinu. Die wirklichen Vorteile des Industrialismus wird er erreichen, auch ohne diese Zusammenpressung der Prozesse, diese Kumulation der Kräfte, diese alles Leben erstickende Konzentration. Er wird sie erreichen, durch weitgehendste genossenschaftliche Organisation i. sowohl für die Beschaffung der Rohmaterialien als auch für die Abgabe (Verteilung, Tausch, Verkauf) der Produkte; 2. für die Beschaffung der Naturkraft, deren Quelle, sei sie hydraulischer oder kalorischer oder sonst welcher Art, am besten konzentriert bleibt; 3. zur Durchführung der Arbeit selbst in all jenen Verrichtungen, bei denen ein gemeinsames Vorgehen tatsächlich von Vorteil ist (was wohl Werkstätten von ein paar Dutzend Arbeitern, niemals aber Riesenfabriken zur Folge haben kann), und schließlich 4. zur gegenseitigen Hilfe bei persönlichen und allgemeinen Krisen. Und im übrigen wird er gerne auf all das verzichten, was er sich auf diese Weise nicht erzeugen, was ihm nur Sklavenarbeit geben kann — von dem Tand an, mit dem sich seine Frauen und Mädchen die Leiber behängen, bis zu den Geschossen, mit denen sich seine Männer und Jünglinge sie zerreißen. * Einer anderen Stellungnahme noch ist zu begegnen. Sie betont mehr die kulturelle Bedeutung des Industrialismus als den materiellen Nutzen. Man kennt die Argumentationen. „Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen des (industrialisierten) Verkehrs", schreibt Wilhelm II. am 7. Januar 1891 an den Staatssekretär des Reichspostamtes Dr. v. Stephan. „Dieser durchbricht die Schranken, welche die Völker trennen." Was jedoch von den völkerverbrüdernden Wirkungen unserer Wirtschaftsformen und dessen, was damit zusammenhängt, zu halten ist, hat der Weltkrieg gezeigt. Ein europäisches Bewußtsein, besteht heutzutage vielleicht in geringerem Maße als zur Zeit des heiligen römischen Reiches. Es ist ein Irrtum, zu glauben, die Ideen pflanzten sich mit einer Geschwindigkeit von 60 km pro Stunde fort, weil ihre Träger mit der Eisenbahn fahren. Die Idee der proletarischen Interessengemeinschaft hat sich in der europäischen Welt nicht rascher verbreitet und ist nicht weniger korrumpiert worden und ist ebensowenig durchgedrungen, als die jüdisch-christliche Idee einer allmenschlichen Gemeinschaft seinerzeit in der römischen Welt. Die Hemmungen, die die Ideen zu überwinden habfen, liegen weder im Telegraphendraht, noch in den Beinen des Briefträgers, sondern in den Seelen der Menschen, und diese kapseln sich oft um so mehr ein, je leichter ihre Körper miteinander verkehren können. Und die Wissenschaft? — Sie hat die Orientierung verloren. Wozu schürft sie in den Tiefen der Natur? Um die Industrie zu ermöglichen? Um mit ihr dem Menschen das Leben zu erleichtern? — „Wozu?", sagt der edle Poincari*), „Nichtleiden ist ein negatives Ideal, das viel sicherer durch die Vernichtung der Welt erreicht würde." Man hat sich über die Formel gewundert: „Die Wissenschaft um der Wissenschaft willen" und doch ist das mehr wert als „das Leben um des Lebens willen", wenn das Leben nur Elend ist . . . — Und die Industrie? — „Wenn ich mich über die Entwicklung der Industrie freue, so hauptsächlich, weil sie dem Gelehrten ein unermeßliches Feld der Erfahrung eröffnet, wo er auf Kräfte stößt, die zu gewaltig sind, als daß man sie durch eine Hand- *) Natürlich nicht der Präsident der französischen Republik, sondern der berühmte Physiker und Mathematiker.

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