Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Industrialismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 481 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101147-3103955--2875-3104010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
_AmmiSl Maccar: Ein jüdischer Ingenieur_ 48x zeigen, daß diese Form industrieller Produktion auch „rentabler" ist, — nämlich für die Arbeitenden selbst, weil ihrer Natur angemessen und daher mit geringer psychischer Reibung verbunden. Und diese Arbeiter, denen die Arbeit eine „Funktion des Lebens" bleiben wird und nicht eine fremde „Funktion zum Zwecke des Lebens", „eine Anpassung an die Kräfte der Natur und nicht an einen toten Mechanismus" (Rathenau) — sie werden alles anwenden, was ihr wacher Verstand ihnen eingibt und die Wissenschaft ihnen liefert, aber sie werden dann nie Sklaven ihrer eigenen Geschöpfe werden. Ist dies weltfremde Schwärmerei? Nein, es ist eigentlich nur der Ausdruck der besonderen Verhältnisse, die sich aus der Beschaffenheit von Volk und Land ergeben, mit denen hier kolonisiert werden soll. Von diesem Volk, jeder menschlichen Autorität die Legitimation abverlangend und keine andere als die des Geistes anerkennend, erfüllt vom Bewußtsein der Gotteskindschaft aller und daher zu Menschendienst schlecht geeignet, voll Streben zu selbständiger Verantwortung und unabhängiger Lebensführung — und in all dem hartnäckig von Anbeginn. Und von diesem Land, in dem das, was ja die Krone und die Vollendung des Industrialismus bildet: Dreadnoughts und U-Boote, Mörser und Minen, ja ohnedies nicht erzeugt werden kann. Denn der Gott, der Eisen wachsen ließ, wußte, was er tat, als er es unserem Lande versagte, da er doch keine Knechte wollte. Denn als er uns aus dem Paradiese stieß und uns im Schweiße unseres Angesichts das Brot erwerben ließ, war er der strenge, aber immer noch liebende Vater. Wir haben uns darein gefunden; so sehr, daß uns der holde Müßiggang der Seligen unvorstellbar ist. Köstlicher Schweiß, wenn er an arbeitsfreudig geröteten Gesichtern in strahlender Sonne aus den Poren dringt, von reiner Luft zum Verdunsten gebracht, die Haut uns kühlt und seine Salze auf den Lippen läßt, gleichsam das Salz zu dem Brot, das wir erarbeiten. Erst als der Mensch den göttlichen Ursprung dieses Zwanges vergaß, erfüllte sich ganz der Fluch. Er selbst hat seine Arbeit verflucht; nun rinnt ihm der Schweiß vom Gesicht in dumpfer, stickiger Luft, mit dem Staub und Ruß auf seiner Haut vermisch er sich und zieht schwarze, schmierige Streifen darüber: die Male seines wahren des industriellen Sklaventums. Wien Markus Reiner EIN JÜDISCHER INGENIEUR Im Frühsommer dieses Jahres feierten mehrere technische, naturwissenschaftliche, literarische und sozialwissenschaftliche Zeitschriften den achtzigsten Geburtstag des schöpferischen Ingenieurs und großen Menschenfreundes Josef Popper-Lynkeus. Während ihn die ältere Generation fast vergessen hatte, fanden die Jüngeren, die ihn bis vor kurzem gar nicht kannten, durch die aufgezwungenen, erschütternden und zur Besinnung mahnenden Erfahrungen des Weltkrieges den Weg zu seinen Lehren, und wir Jungjuden und jüdischen Techniker fanden uns vor seinem Lebenswerke wie vor einer Offenbarung. Eine Offenbarung zwar, wie sie im Galuth und nicht wie sie im Lande der Offenbarungen sich kundgeben konnte, also mit den Fesseln der Unfreiheit und der Bedingtheit behaftet, aber sie füllt uns mit einem freudigen Ahnen und, wenn wir sie auch nicht eindeutig vernehmen, wir schauen die Antwort auf die quälende Frage, die wir uns selber stellten und die andere an uns richten: Wie wird die Technik im jüdischen Lande wirken?