Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Industrialismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 478 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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478 Markus Reiner: Teil der Bevölkerung gewaltsam vom Boden fernhält und nicht gewillt ist, ihm Nahrung zu gewähren, es sei denn, daß er sich in die Industriesklaverei begibt. Und seine in der Sprache des Geldes ausgedrückte Rentabilität kann nur . bestehen dadurch, daß jene Masse, die von allen direkten Nahrungsquellen abgeschlossen ist, ihre Arbeit zu einem Preise verkaufen muß, der das Unternehmen eben rentabel macht. Und so ist Industrie die Anstalt, in der man sich das Lösegeld zur Loskaufung aus der Hungersklaverei verdient. Es ist aber durchaus fraglich, ob diese Masse in freier Verfügung über die Gestaltung ihres Daseins zu solchen Daseinsformen gekommen wäre. Und daran ändert nichts, daß man ihr den ganzen Ertrag zukommen lassen will. Denn der Mensch hat eine lebendige Seele, und es könnte sein, daß er die ertragreichste Organisation für die unerträglichste hält. Wohl: der Industrialismus hat die Schächte und Bohrlöcher in die Eingeweide der Erde getrieben, aus denen dem Menschen ihre Schätze quillen; er hat die riesigen Küchen gebaut, in denen der Mensch sich neue Stoffe braut und jene der Natur künstlich zusammensetzt; er hat die ungeheuren Transportmittel geschaffen, mit denen der Mensch all diese Güter von einer Hemisphäre auf die andere wirft. Und schlägt man dies alles zum Volksvermögen, dann hat er sich rentiert. Aber er hat mit Sklaven gearbeitet, nicht auf ein Maximum des Genusses, sondern auf ein Maximum des Gewinnes bedacht. Jedoch nach Expropriation der Expropriateure gibt es keine Rentabilität in diesem gebräuchlichen Sinne des Wortes mehr, weil es keine Renten gibt. Die Seele des Menschen tritt in Aktion, und damit enthüllt sich die psychologische Wurzel des wahren Begriffes einer nationalwirtschaftlichen Rentabilität. Diese psychologische Wurzel ist auch jetzt schon unverkennbar, z. B. in der auf manchen Gebieten unleugbar vorhandenen Überlegenheit des landwirtschaftlichen Kleinbetriebes, wo oft das persönliche Verhältnis zu den Tieren und zum Boden ausschlaggebend ist; sie tritt zutage in den Gewerben bei jeder Qualitätsarbeit; und sie läßt sich nicht ausreißen sogar bei ganz und gar mechanisierten , Tätigkeiten, wie es das oben zitierte Beispiel mit der Katze zeigt. Aber sie ist ausschlaggebend bei all jenen Arbeiten des Körpers wie des Geistes, bei denen die ökonomischen Fesseln nur halbwegs gelockert sind. Und mit der Mißachtung dieser psychologischen Wurzel hat der Industrialismus gesündigt von seiner Geburt an. Er begann mit der Arbeitsteilung. „Und nachdem verkündet war, daß der Reichtum der Völker sich nach der Höhe der Gewinne bemißt, die die Wenigen einheimsen, und daß die größten Gewinne mittels einer Spezialisierung der Arbeit erzielt werden, kam die Frage gar nicht in Betracht, ob lebendige Menschen sich immer einer solchen Spezialisierung unterwerfen wollten" (Kropotkin). Machen wir den Menschen frei, dann wird er konstatieren, daß „genau im selben Verhältnis, in dem die Arbeit, die von dem Einzelnen in der modernen Produktion erfordert wird, einfacher, leichter zu lernen und sicher auch monotoner und ermüdender wird, er mehr und stärker das Bedürfnis empfindet, mit der Arbeit zu wechseln, alle seine Fähigkeiten zu üben", d.h. die Arbeitsteilung durch die Arbeitsvereinung zu ergänzen. Dann wird sich ergeben, „daß die größte Gesamtsumme an Wohlstand erreicht werden kann, wenn mannigfaltige landwirtschaftliche, industrielle und geistige Beschäftigungsarten in jeder Gemeinschaft vereinigt sind", weil der Mensch sein Bestes leistet, und es freudig leistet, „wenn er in der Lage ist, seine fast immer mannigfaltigen Fähigkeiten in verschiedenen Beschäftigungen