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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 10 · p. 477

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 10
Article
Der Industrialismus
Date
1918-01-01
Page
477 (sequence 7)
Language
German
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Der Industrialismus 477 kleines Auto zu haben*), und weiter Fesseln an den Händen, sondern, wenn es ihm einfach darauf ankäme, diese Fesseln abzuwerfen, auf die Gefahr hin, daß dadurch jedes Auto überhaupt unmöglich gemacht wird? Denn im Grunde ist der Mensch doch unberechenbar. Gewiß, es ist möglich, daß technischer Fortschritt, aber auch Produktion für tatsächlichen Bedarf, bessere Organisation, weitgehendste Ausnützung der Naturkräfte, Ausschaltung alles unnützen Teilhabertums, kurz all das, was eine Industrie, die zum Nutzen der Allgemeinheit schafft, ausmachen würde, dem Menschen Erleichterung brächte — und wie wir hoffen wollen, auch bringen wird» Aber wie sich die Gewißheit verschaffen, welche Form dies ermöglicht? Man könnte etwa daran gehen, die nationalwirtschaftliche Rentabilität des industriellen Großbetriebes zu berechnen, indem man das Kriterium anwendete, daß der Energieaufwand, mit dem das Produkt hergestellt wird, plus der Amortisation des Energieaufwandes, der in den Betriebsmitteln steckt, kleiner sei als der Energieaufwand, der zur Herstellung im entsprechenden Vergleichsbetriebe notwendig ist (wobei noch der Qualitätsunterschied der Produkte — z. B. Handarbeit und Maschinenarbeit — in Rechnung gestellt werden müßte). Aber wie will man diesen Energieaufwand ansetzen? Soll die mechanische Energie berechnet werden? Etwa die geleistete Arbeit plus der Leerlaufaibeit, d. i. der zur Überwindung der inneren Reibung der Betriebsmaschinerie notwendigen Arbeit? Aber ist nicht auch ein Energieaufwand zur Überwindung der Reibung seelischer Hemmungen im Menschen notwendig? Läßt sich der Mensch als ein arithmetisch bestimmbares Moment in Rechnung ziehen? Es hat sich gezeigt, daß dies nicht der Fall ist. Man kennt den Taylorismus, diese letzte Konsequenz auf dem Wege der Mechanisierung der Arbeit, der Entgeistigung der körperlichen Arbeit zum Zwecke der Erhöhung der Arbeitsleistung. Hier wird endlich mit dem „l'homme machine" Ernst gemacht. Seine Bewegungen werden geregelt, Überflüssiges ausgeschaltet, Zweckmäßiges einexerziert. Der Effekt ist eine bedeutende Erhöhung des Erträgnisses. Bis eines Tages beobachtet wurde, daß eine Anzahl taylorisierter Arbeiterinnen in einem geschlossenen öden Raum, bei einer gleichgiltigen Handverrichtung, noch mehr leisteten — wenn eine nicht in Rechnung gestellte Katze sich im Räume aufhielt. Die Zeit, die damit verging, daß die Mädchen mit einem nicht taylorisierten Lebewesen scherzen konnten, wurde vollauf eingebracht durch das bißchen Heiterkeit, das in ihre Seelen fiel. Und so eine Katze wirft die schönsten Berechnungen über den Haufen. Es gibt keine Rentabilität im gewöhnlichsten Sinne des Wortes, die den Menschen als Maschine ansetzt. Der Mensch läßt sich ziffernmäßig nicht erfassen. Und darum ist das Problem theoretisch unlösbar. Aber es gibt eine praktische Lösung. Und sie ist die, daß man dem Menschen wirtschaftliche Freiheit gibt. Denn dieser große europäischamerikanische Wirtschaftsapparat kann nur dadurch bestehen, daß man einen *) Ich las unlängst in einem sozialdemokratischen Blatte einen Aufsatz über den Friedensfreund Ford. Ford besitzt eine große Automobilfabrik mit großen Erträgnissen. Er selbst bezieht aber nichts als ein angemessenes Direktorengehalt für tatsächlich geleistete Arbeit. Alles andere kommt den Arbeitern zugute. Durch immer bessere Organisation steigert er fortwährend die Erträgnisse und er wird nicht ruhen, bevor jeder Arbeiter sein kleines Auto hat. - Es ist aber nicht einzusehen, warum jeder Arbeiter nicht auch seinen kleinen Aeroplan und sein kleines Unterseeboot haben sollte.

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