Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Industrialismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 476 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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476 Markus Reiner; der elendesten Qualität verkaufen kann, wenn nur eine beträchtliche Menge davon zum Verkauf steht. Jeder, der den Handel kennt, weiß in der Tat, welch außerordentlich großer Teil des Welthandels aus ,Shoddy* (Schund) besteht, der nach entfernten Ländern verschickt wird"*). Ein Vorteil, der in dem Maße verschwindet, als die entferntesten Länder dazu Übergehn, selbst Schund zu erzeugen, worin häufig der ganze wirtschaftliche Aufschwung derselben besteht. » So organisiert der Industrialismus in Wirklichkeit die Gewinne und nicht die Produktton. Wendet man somit ein: „aber das Volksvermögen hat sich seit Eintritt in die großindustrielle Produktionsperiode ganz ungeheuer vermehrt", so bedenke man, wie dieses Volksvermögen sich berechnet Man zählt in erster Linie die privatkapitalistischen Produktionsmittel und Produktionshilfsmittel der großindustriellen Unternehmungen (dies die Hauptposten), dann bewertet man die Pracht der Großen und den Plunder der Kleinen und schließlich auch eine Anzahl wahrer Gebrauchsgüter. Von diesen letzteren ist aber noch nachzuweisen, daß sie nicht einfach das Erzeugnis von dem sind, was innerhalb der großen Fabrik an sozial organisiertem Gewerbe, bei Anwendung wissenschaftlicher Methoden und der von der Natur beigestellten Kräfte vorhanden ist. Eine Probe auf das Exempel bietet der „Mehrwert". Was soll es heißen, daß er den Arbeitern selbst zugute kommen müsse? Das Wort verführt. Steckt der Kapitalist tatsächlich einen „Mehrwert" ein oder vielmehr nur die Differenz von den Löhnen auf das volle Erträgnis — also sagen wir einen Differenzwert? Nehmen wir etwa an, es stünde fest, was von vielen behauptet wird, daß nämlich in der Landwirtschaft der Kleinbetrieb rentabler sei als der Großbetrieb. Der Großbetrieb eines Großgrundbesitzes ergibt dann in diesem Sinne**) überhaupt keinen Mehrwert, sondern nur das, was ich eben „Differenzwert" nannte. Zur wahren Bauernbefreiung würde eine Expropriierung des Exploiteurs daher nicht genügen; was Not täte, wäre vielmehr eine Aufteilung des Großbesitzes. Und die Befreiung wäre nichts anderes, als eine Befreiung vom Zwange solcher Produktionsart, einer Produktionsart, die eben gestattet, einen Differenzwert einzuheben — und so wird diese Befreiung jetzt in Rußland durchgeführt. Wie, wenn es nun nicht anders mit dem industriellen Großbetrieb stünde? Wie, wenn die wahre Befreiung von der Lohnsklaverei eben nichts anderes bedeutete als die Befreiung von der Sklaverei der großindustriellen Produktionsform? Bringt eine Aufteilung der Einkommen der Kapitalbesitzer auf das Proletariat diesem tatsächlich eine fühlbare Zubuße? Der Nachweis steht noch aus. Die Anekdote vom Frankfurter Rothschild, der den bei ihm eindringenden Kommunisten bereitwilligst ihren prozentuellen Anteil an seinem Vermögen, im Betrage von je einem Gulden auszahltest mehr als ein Witz, ist ein Problem. Ich weiß, man will es lösen, indem, man sagt, die anarchische, kapitalistische Produktion für den Markt werde 'aufhören müssen und einer geregelten, organisierten Produktion weichen. Wie aber, wenn es dem Lohnsklaven nicht darauf ankäme, durch die ertragreichste Organisation im mittleren Falle zehn Zigaretten mehr im Tage rauchen zu können oder im allerbesten Falle sein *) Kropotkin, „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk'1. Deutsch von Landauer, Renaissance-Verlag. (Eine Neuausgabe unter dem Titel „Das Feld, die Fabrik und die Werkstatt" erscheint demnach bei Paul Cassirer in Berlin. Anm. d. Red.) **) Ich weiß, daß das Wort nicht in diesem Sinne gebraucht wird; aber man gestatte mir dies zu tun, um das auszudrücken, was ich im folgenden sagen will.