Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Industrialismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 475 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Oer Industrialismus 475 nachhinein verifizieren. Industrielle Arbeitsmittel von kolossalem Kapitalswerte werden geschaffen und nachträglich die Arbeit für sie gesucht*) Der Antrieb zu diesen Unternehmungen ist nicht mehr der immanente eines Meliorismus, nicht mehr das Bestreben, Energie zu sparen, Wohlbefinden durch Befriedigung natürlicher Bedürfnisse zu erhöhen, sondern der Produktionshunger des Kapitals. Denn es gibt keinen Robot mehr, und direkten Tribut kann nur mehr der Staat erheben. Das Kapital kann nur ausbeuten, indem es produziert. Also produziert es. Es liegt in seinem Interesse, viel zu produzieren — also hat es die Theorie erfunden, daß Steigerung der Bedürfnisse (und zwar quantitative) Steigerung der Kultur ist. Und da das Tempo dieser Steigerung nicht genügt, werden fiktive Bedürfnisse suggeriert, denen sich dann niemand entziehen kann und die höhere Gewalt haben, als die wirklichen Bedürfnisse. So hungert der Kanzlist, um einen steifen weißen Kragen, und das Maschinenfräulein, um einen Hut nach der neuesten Mode sich leisten zu können. Damit nicht genug, dürfen die Bedürfnisse gar nicht recht befriedigt werden, sondern müssen immer aktuell sein. Daher ist es nicht Ziel der großindustriellen Produktion, Schuhe zu erzeugen, die bester Qualität und teuer sind und dafür ein Jahrzehnt halten, sondern solche, die minderer Qualität, billig und in kürzester Zeit verbraucht sind. So arbeiten sich Unlust des Arbeiters und schleuderhafte Massenproduktion Hand in Hand, um das Niveau unserer gewerblichen Erzeugnisse unter das mancher „wilden" Negerstämme herabsinken zu lassen. Stellen wir nun diesen Passivposten die Aktiva gegenüber. — Zum ersten ist eine der hauptsächlichsten Quellen, aus denen der Industrialismus Rentabilität schöpft, die Erschließung der Naturkräfte, die wirklich positive Arbeitsersparnis gibt. Ihre Aktivierung wurde bisher fast nur im Großbetriebe durchgeführt mit Hilfe kostspieliger Verrichtungen, die wieder Massenproduktion verlangen, sollen sie sich bezahlt machen. Die Erschließung der Naturkräfte setzte daher, mit Ausnahme uralter primitiver Methoden (wie z. B. beim Wasserrad), die industrielle Organisationsform voraus, die wir eben in Frage stellten. Aber die elektrische Kraftübertragung und die Explosionsmotoren können auch im Kleinbetrieb nutzbringend aktiviert werden (was bei der Dampfmaschine nicht der Fall war). Dies ist bisher in größerem Maße nur deshalb nicht geschehen, weil das Kapital kein Interesse an der Dezentralisation der Produktion hat, da sie ihm die Einhebung des Tributes erschwert. — Was aber zweitens das eigentliche Übergewicht des Industrialismus ausmacht, das sind seine finanziellen und kommerziellen Waffen. Die ersteren treten besonders zutage während der Krisen, während welcher die Fabrik schlimmstenfalls ihren Besitzer wechselt, aber immerhin an sich bestehen bleibt, wogegen der Gewerbetreibende glatt zugrunde geht. Die letzteren erweisen sich in den vorteilhaften Bedingungen, unter denen der Ankauf der Rohprodukte und der Verkauf der Waren vor sich geht. Dabei ist es einer der „Vorteile", den der Fabrikbesitzer hat, „daß er selbst Produkte *) Bleibt die Arbeit aus, dann tritt die Krise ein. Es gibt zu viele Güter, die Arbeitsmittel rentieren sich auch privatwirtschaftlich nicht mehr und die Zerstörung allem kann helfen: der Krieg. „Er mußte kommen, es war nicht mehr zum Aushalten", sagte der osterreichische Bourgeois. Jetzt hat ers. Die Stagnation ist vorbei. Das zeigt schon die Teuerung. Steigende Preise sind ein Zeichen von wirtschaftlichem Aufschwung. Die Kaufkraft ist gestiegen. Geld hat jeder genug. Schade nur, daß man nichts dafür bekommt. Aber das geniert das Kapital nicht, es schöpft weiter ab. Also: pereat mundus, floreat die Industrie! 34*